Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Le Pré Catelan – wir armen Foodies

Vor zehn Minuten steckte ich noch mitten in Paris im Stau. Jetzt bin ich immer noch in Paris, aber in einem Märchenwald. Hier sind manche Bäume knochig und verästelt, andere sind kegelförmig, und Glühwürmchen steigen aus ihnen empor in die Nacht. Rechts verschreckt ein unbeleuchtetes, verwunschenes Haus, links lockt ein strahlender Palast.

Le Pré Catelan - 22.02.2013Le Pré Catelan - 22.02.2013

Der Märchenwald ist der Jardin du Pré-Catelan, ein botanischer Garten im Bois de Boulogne, der grünen Lunge von Paris, zweieinhalb Mal so groß wie der New Yorker Central Park. In einem prachtvollen Pavillon von Napoleon III befindet sich in diesem Park eines der zwei Pariser Drei-Sterne-Restaurants, die ich bis dato noch nicht kenne (im Ledoyen war ich auch noch nicht).

Die anderen acht verbinde ich mit nicht weniger als einigen der großartigsten kulinarischen Momente überhaupt. Wer schon mal einen Wolfsbarsch (oder einen Schokoladenkuchen!) im L‘Ambroisie gegessen hat oder im Le Meurice oder Epicure eingekehrt ist, weiß, wovon ich spreche. Meine heutiges Wissen über bestimmte, vorher nicht zu erahnende Qualitäten bestimmter Rohstoffe – und meine daraus entstandene Präferenz zu einer klaren, wohlschmeckenden und produktfokussierten Küche – habe ich ganz überwiegend den großen Köchen in Paris zu verdanken. Meine Erwartungen an das Le Pré Catelan sind also nicht weniger als immens. Mit anderen Worten: das muss heute sitzen.

Le Pré Catelan - 22.02.2013 Le Pré Catelan - 22.02.2013

Die Trophäensammlung prangt bereits außen an der Häuserwand, und auch der feudale Speisesaal übt sich nicht in Understatement. Aber das habe ich hier auch nicht erwartet. Doch im Gegensatz zu den anderen Gastrotempeln dieser Stadt wirkt das Ambiente hier zwischen Marmorsäulen, Raffgardinen und einem grünlichen Teppich schwer und altmodisch. Die weihnachtsbaumähnliche Installation in der Mitte des Saals wirkt gegen Ende Februar auch etwas deplatziert.

Allerdings sind das alles nur Feststellungen, die ich beiläufig mache. Mein Augenmerk gilt jetzt in erster Linie der Speisekarte. Das Stöbern darin begleitet ein Glas Lenoble „Brut Nature“ Zéro Dosage (€ 24), ein leider eher charakterloser Tropfen. Zwei Menüs (€ 190 bzw. € 240) stehen zur Auswahl. In den klassischeren Häusern dieser Stadt wähle ich jedoch meistens à la carte, da die häufig großartigen Produkte nach meiner Erfahrung so besser zur Geltung kommen. Fast immer ist das jedoch auch die teurere Option. Wie in solchen Restaurants in Paris üblich, gilt auch hier die ungeschriebene Regel: ungefähr hundert Euro pro Gericht.

Le Pré Catelan - Miesmuschel-Beignet mit Safrancreme - 22.02.2013

Es folgt ein erstes Amuse-Bouche: ein Miesmuschel-Beignet mit Safrancreme. Diese ganz spezielle, nicht so recht zu beschreibende Feinheit, die so vielen Gerichte in den Restaurants dieser Stadt innewohnt, ist auch in diesem sehr wohlschmeckenden Snack zu finden. Dennoch empfinde ich Frittiertes meist, und eben auch hier, als eher ungeschickte Art, ein Produkt zu präsentieren; kaschieren wäre hier der treffendere Begriff.

Le Pré Catelan - Zwiebel und Kastanie - 22.02.2013

Sehr geschickt hingegen ist die „Hochzeit“ (mariage) von Zwiebel und Kastanie. Die cremige Komposition ist süffig, warm und kalt zugleich und überaus harmonisch. Eine Einfachheit, die mich beeindruckt, aber noch nicht aus dem angenehm gepolsterten Sessel haut.

Dass die kleinen Speisen bisher lediglich sehr gut waren (und nicht absolut herausragend) ist schon zu diesem frühen Zeitpunkt eine kleine Enttäuschung – und auf diesem attestierten Niveau in Paris für mich Premiere. Wenn ich nur an die paar Gramm perfekten Lachses im Le Meurice denke, oder die grandiosen Kleinigkeiten im Epicure – und noch so vieles mehr –, dann ist dieser Auftakt ein vergleichsweise schwacher. Zugleich ist es ein Beweis dafür, wie sehr das Wissen um höchste Produktqualitäten und größtmögliche Genüsse einem das Essen zuweilen auch schwer machen können.

Le Pré Catelan - La Betterave - 22.02.2013

Die von mir gewählte Vorspeise La Betterave“ (€ 90) ist eine optisch eindrucksvolle Inszenierung des Themas Rote Bete, die auf drei Tellern präsentiert wird. Anders jedoch als beispielsweise die virtuosen „Multitellergerichte“ im Kölner Le Moissonnier, ist die Anordnung hier ziemlich unpraktisch: An den dritten Teller komme ich schon fast nicht mehr heran.

Ich gruppiere alles etwas näher um mich herum und beginne zu probieren …

Bei dem salamipizzaähnlichen Teller handelt es sich um hauchdünne, „mit Muscadet parfümierte“ Scheiben Roter Bete sowie ebenso dünne Scheiben von altem Comté. Angegossen dazu wird Olivenöl aus der Provence. Diese Kombination ist so schlicht wie hervorragend. Die zarten Scheiben von Bete und Käse sind zuerst etwas zurückhaltend, bevor dann das Öl alle Aromen aus den Zutaten „herauslöst“ und am Gaumen zu einer mediterran-frischen Harmonie zusammenfügt. Sehr gelungen.

Le Pré Catelan - La Betterave - 22.02.2013

Auf dem zweiten Teller – mit dem ich zwischendurch immer mal wieder abwechsle – befindet sich ein Rote-Bete-Salat, der vor allem mit einer hervorragenden Vinaigrette und dem damit verbundenen Säurespiel überzeugt. Leidglich die Präsentation wirkt etwas unbeholfen, doch das ist mir nicht besonders wichtig.

Le Pré Catelan - La Betterave - 22.02.2013

Völlig unverständlich ist dagegen der dritte Teller, der eine Art gelierte Boullion de Bœuf darstellt. Ohne lange Umschweife: das riecht wie Katzenfutter, sieht irgendwie auch so aus wie Katzenfutter und schmeckt … vermutlich besser als Katzenfutter, ist aber wegen all dieser Parallelen nicht besonders appetitanregend. Und das Fleisch ist trocken. Das lasse ich nach einigen Gabeln stehen – ebenfalls eine Premiere für mich in einem Pariser Drei-Sterne-Restaurant. Nachfragen vom Service gibt es keine.

Auf den zweiten Gang, „La Langoustine“, bin ich besonders gespannt. Kaisergranat kann man in Paris in atemberaubender Qualität finden. Die langoustines von Bernard Pacaud oder Yannick Alléno z. B. haben sich für immer in mein Gedächtnis eingebrannt. Besser wird es nicht kommen können, aber zumindest doch ähnlich … oder?

Le Pré Catelan - La Langoustine - 22.02.2013 Le Pré Catelan - La Langoustine - 22.02.2013 Le Pré Catelan - La Langoustine - 22.02.2013

Doch bereits die Präsentation lässt mich verdutzt über die Tellerränder blicken. Das eine Tier ist in einem Raviolo versteckt, der wiederum unter einer schaumigen Masse versteckt ist. Auf dem anderen Teller verbirgt sich das Tier in etwas abermals Frittiertem; und auf dem dritten Teller scheint unter der Avocadoscheibe immerhin ein bisschen was vom angeblichen Protagonisten hervor. Die beim Anrichten routiniert über den Teller geschwungene Plastikflasche mit einer asiatisch schmeckenden Sauce auf Sojabasis hat auf diesem Teller ebenfalls ihre Spuren hinterlassen.

Es ist ausschließlich einer manchmal aufblitzenden Raffinesse einiger Komponenten geschuldet, dass man diesen Gang nicht für eine irrtümlich auf den Tellern der Gäste gelandete Bestellung eines Asia-Lieferservice halten könnte. Von einem solchen wären die Speisen hervorragend; hier sind sie eine Katastrophe! Als müsse man in dieser Stadt, mit diesen einzigartigen Bezugsquellen, irgendwelche asiatischen Irrwege bei einem Gericht einschlagen! Noch nie habe ich (in Paris) eine derart respektlose Zubereitung dieses potenziell herausragenden Produkts auf dem Teller gehabt, und nie zuvor hab ich hundertzehn Euro für ein Gericht so hinterhergetrauert.

Verwundert bin ich auch über den nachlässigen Service, der sich weder um die Servietten kümmert, wenn man den Platz verlässt, noch das Tischtuch von Krümeln befreit. Obwohl ich solche Rituale nicht brauche, gehören sie zu einem Restaurant dieser Klasse einfach dazu.

Le Pré Catelan - Ris de Veau - 22.02.2013

Etwas später geht es weiter mit dem Ris de Veau, ebenfalls als drei Teller daherkommend und ebenfalls hundertzehn Euro schwer. Auf dem großen Teller findet man ein makellos gegartes und mit schwarzen Trüffeln gespicktes Stück Kalbsbries in einer sehr guten, gehaltvollen Sauce (jus gras), dazu Selleriepüree. Der Teller zieht alle klassischen Register, beinhaltet ein gutes Produkt und macht mit Sicherheit satt. Das ist gut, aber Paul Bocuse wüsste bestimmt, wie’s besser geht.

Le Pré Catelan - Ris de Veau - 22.02.2013 Le Pré Catelan - Ris de Veau - 22.02.2013 Le Pré Catelan - Ris de Veau - 22.02.2013

Er würde auch nicht die beiden weiteren Teller servieren, von denen einer – der mit der gefüllten Teigrolle – erneut Katzenfutterassoziationen bei mir auslöst. Dabei habe ich nicht mal eine Katze. Der dritte Teller sieht irgendwie so aus wie der dritte Teller des ersten Gangs: ein paar Fleischwürfel in herzhafter Sauce, dazu etwas Alibigrün. Vollkommen überflüssig. Hinzu kommt ein großes Problem mit der Temperatur aller Speisen. Trotz großer Cloches sind die meisten Speisen fast erkaltet, wenn man sich ihnen widmet. Die weit auseinanderstehenden Teller, die man nur nacheinander und nicht gleichzeitig probieren kann, begünstigen auch ein rasches Abkühlen.

Le Pré Catelan - La Pomme - 22.02.2013 Le Pré Catelan - La Pomme - 22.02.2013

Als Dessert (ein Pré-Dessert gab es nicht) entscheide ich mich für La Pomme (€ 42). Wer als Erfinder dieses Desserts gilt, weiß ich nicht, doch habe ich es in fast identischer Ausführung schon mal im Aqua genossen, als dort in der Patisserie Nadja Hartl noch die Teigrolle schwang. Doch mir wird schnell klar: zwischen diesem Apfel und Nadjas Apfel liegen Welten. Der im Aqua damals war hauchdünn, sehr zerbrechlich und mit einer angenehm leichten Masse gefüllt. Dieser hier ist ziemlich groß, recht dickwandig, und man muss einmal kräftig mit dem Löffel draufschlagen, damit er dann, mit einem dumpfen Knall, sein Inneres preisgibt. Doch das wahre Ich des schillernden Apfels entpuppt sich als eine Masse, die wie erbrochener Feuerlöscherschaum aussieht. Wer will so etwas essen? Und was hat das mit guter Küche zu tun?

Mit diesem Schock im Nacken bestelle ich die Rechnung.

Doch um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich ist das Le Pré Catelan ein gutes Restaurant. Es gab genug genussreiche Momente, um vermutlich viele Esser glücklich zu machen. Doch was schrieb ich weiter oben schon zu dem Wissen um kulinarisch wirklich Großartiges? Es kann auch ein Fluch sein. Wir armen Foodies.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Le Pré Catelan (→ Website)
Chef de Cuisine: Frédéric Anton
Ort: Paris, Frankreich
Datum dieses Besuchs: 22.02.2013
Guide Michelin (F 2013): ***
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7

10 Antworten zu “Le Pré Catelan – wir armen Foodies”

  1. Michael Steinmetz

    Vielen Dank für den aufschlussreichen und interessanten Bericht. Mir ist aufgefallen, die Rechnung beinhaltet keine Langustinen, dafür aber Wolfsbarsch. Wie das? Beste Grüße aus Wien, MST

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    • Trois Etoiles

      Sie haben Recht! Die „Langoustines“ wurden offenbar schlicht vergessen – oder von der Rechnung genommen, weil ich einiges übrig ließ. Letzteres halte ich jedoch für äußerst unwahrscheinlich. Vermutlich also ein Fehler zu meinen Gunsten. Es gibt Schlimmeres.

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  2. duni

    Ich finde es schön, wenn die Serviette während des Essens ausgetauscht wird. Das ist kein grosses Ding und schon gar nicht unbedingte Notwendigkeit, zählt aber für mich mit ein paar anderen Kleingkeiten in Summe zu einem Service, der sich nicht als striktes Abfeiern von Ettikette und steifer Formalität versteht, sondern Behaglichkeit beim Gast durch zuvorkommende Betreuung schafft.

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  3. Billy Wagner

    Nur zur Erklärung.
    Wieso muss man eine Serviette während eines Essens auswechseln?
    Beste Grüße,
    Billy

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    • Trois Etoiles

      Hi Billy. In vielen Restaurants dieser Art hat es sich als feine Geste etabliert, wenn der Gast eine frische Serviette vorfindet, wenn er zum Platz zurückkehrt. Oder sogar ein frisches Wasserglas. Das ist einfach angenehm. Allerdings bin ich der letzte, der soetwas benötigt. Ich fände es vielerorts völlig deplatziert und „over the top“. Doch wo, wenn nicht in den Luxustempeln der alten Schule, sollte man diesen Gepflogenheiten noch begegnen? Meine Kritik am fehlenden Serviettentausch ist synonym mit einer offensichtlichen Nachlässigkeit des Restaurantmanagements zu verstehen. Es ist eben nicht von allem (Essen, Service, Ambiente) das Beste, sondern eben nur zweite Klasse. Und wer will schon Premium Economy fliegen, wenn er die First kennt? ;)

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  4. Erik Pratsch

    Wie immer hervorragend und mitreißend geschrieben- fast reißerisch.
    Das „ris de veau“ war auf der Karte hoffentlich derart geschrieben.

    Beeindruckend Ihre Foodie Kenntnisse.

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    • Trois Etoiles

      Danke, Herr Pratsch. In der Tat stand es auf der Karte korrekt: „Ris de Veau“. Ich hatte wohl zu viel Reis („riz“) im Kopf ;).

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  5. Voker Beck

    schade eigentlich ,wollte immer mal hin
    guter artikel
    nur euer bericht über den heiligen paul tut mirimmer noch weh
    er war halt der held meiner jugend
    weiter so tolle artikel
    danke für eure arbeit

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    • Trois Etoiles

      Paul Bocuse zolle ich doch Respekt wo immer ich kann! :) Der Besuch damals war nicht überwältigend, aber Bocuse bleibt Bocuse.

      PS: Danke für das Lob! (Ich Betreibe diesen Blog allerdings nach wie vor allein.) Viele Grüße!

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