Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Joël Robuchon Monte-Carlo – Raukefarce

Joël Robuchon, Erfinder der legendären Ateliers und derjenige Gastronom, der die mit den in Summe am meisten Sternen ausgezeichneten Restaurants auf der Welt führt, hatte mich zuletzt häufiger enttäuscht als begeistert. Das (dreifach besternte) Atelier in Hongkong hatte so seine Schwächen, das prätentiöse (und ebenfalls dreifach besternte) Restaurant in Tokio ist ein einziges gastronomisches Disneyland, und das letzte Atelier, das ich besuchte – in London – hat zurecht seinen zweiten Stern verloren. Lediglich Robuchon au Dôme in Macau konnte seinen (drei) Sternen gerecht werden. In den (zweifach besternten) Stamm-Ateliers in Paris war ich dagegen länger nicht, die eigentlich immer ein Garant für vorzügliche Genüsse sind.

Unabhängig von den einzelnen Essen ist es aber in Summe immer ein großes Vergnügen, bei Robuchon zu essen. Im Rahmen seiner unglaublichen internationalen Expansion ist das durchschnittliche Niveau seiner Speisen bemerkenswert. Und dann kam ohnehin eines zum anderen. Ich plante einen Aufenthalt an der Côte d’Azur, wollte auch einen Abend in Monaco verbringen, und da Alain Ducasse sein Le Louis XV gerade aufwändig renovieren lässt, kam mir das bisher noch nicht bekannte Restaurant von Robuchon im Hotel Monopole als Alternative gerade recht.

Joël Robuchon Monte-Carlo – 23.11.2015

Es ist wohl überflüssig zu erwähnen, dass es in Monaco immer um Prunk und Luxus geht. Doch so schlimm wie erwartet ist es gar nicht, als ich das Hotel betrete. Im Gegenteil, es ist sogar ziemlich gemütlich. Inmitten einer vorweihnachtlichen Dekoration kann man den Abend schon mal wunderbar bei einem Aperitif an der Bar einläuten. Es gibt tadellose Drinks und zahlreiche Champagner. Ein 2006er Moët & Chandon (€ 26) ist vielleicht kein großer Wein, aber zu ein paar Nüssen gar nicht mal schlecht.

Joël Robuchon Monte-Carlo

Das Restaurant selbst ist gestalterisch recht altbacken, bereitet aber dennoch große Lust, sich dort an einen Tisch zu setzen. Ich fühle mich an diesem Ort sofort wohl – bis auf eine unerträgliche Kakophonie, die von zwei unterschiedlichen Musikquellen (von der Bar und dem Restaurant) herrührt. Kurz angemerkt ist das Problem wenig später beseitigt.

Die Speisekarte ist ein Eldorado für Produktfanatiker wie mich. Alle Gänge sind nach der Hauptzutat aufgelistet; man hat stellenweise sogar den Eindruck einer alphabetischen Sortierung (das wäre es doch mal!). Neben einer klassischen „Drei-Gänge-Karte“ mit recht kostspieligen Gerichten bis zu € 165 bietet ein Teil mit Verkostungsportionen die Möglichkeit, diverse kleine Gerichte zu probieren – wie in den Ateliers. Einfach ist eine solche Auswahl nie, da alles ansprechend klingt, aber ich nehme die Herausforderung an. Es dauert etwas, bis meine Auswahl steht.

Joël Robuchon Monte-Carlo – 23.11.2015

Eine schmackhafte, aber nicht weiter nennenswerte, Kürbissuppe macht den Auftakt, dann geht es los mit Aubergineen caviar“ mit jungen Gemüsen (€ 18). Dass en caviar, also „als Kaviar“, eine Zubereitungsmethode und keine Fischeier bezeichnet, war mir klar, nicht aber, dass es sich dabei um einen viel zu kalten, massigen Brei handeln würde. Und so jung die Gemüse auch sein mögen, fristen Sie ein ziemlich trockenes und fades Dasein auf der Artischockenpampe. Eine Zumutung. Wenn man in Monaco für 18 Euro nicht viel erwarten kann, könnte man das Gericht ja doppelt so teuer machen, aber dafür auch doppelt so gut, zubereiten. Davon hätte dann jeder etwas. (5/10)

Joël Robuchon Monte-Carlo – 23.11.2015

Es geht weiter mit Sardine, grünem Spargel und kandierter Menton-Zitrone (€ 22). Der Fisch ist von guter Qualität, aber das Gericht ist dominiert von einer weiteren undefinierbaren und viel zu kalten Masse (auf dem Foto nicht zu sehen), die keinen Genuss bringt. Von der Zitrone schmeckt man auch nichts. Schade, denn ihre aromatische Säure hätte dem Fisch sicher gutgetan. (6/10)

Joël Robuchon Monte-Carlo – 23.11.2015

Steinpilze „à la provençale“ (€ 22) machen der hervorragenden Qualität wegen Freude, ein etwas merkwürdiges Konstrukt mit Blätterteig wirkt dagegen lieblos. Wegen der exzellenten Pilze ist das Gericht jedoch ein Vergnügen. (7/10)

Joël Robuchon Monte-Carlo – 23.11.2015

In einer herzhaften, „süffig-italienischen“ Geschmackswelt geht es dann weiter: Artischocke, d. h. ihr Herz in feinen Scheiben, wird in diesem Potpourri begleitet von Tintenfisch, Lardo, Sardellen, Tomaten und viel Thymian (€28). Sehr gut. (7/10)

Joël Robuchon Monte-Carlo – 23.11.2015

Bei den Froschschenkeln (€ 28) hatte ich überlesen, dass sie frittiert sind. Das ist zwar eine gängige, aber in den allermeisten Fällen auch unvorteilhafte Zubereitungsmethode. Hier büßen sie dadurch leider fast vollständig ihren zarten Geschmack und die ebenso zarte Textur ein, die man so nur erahnen kann. Eine Petersiliencreme sowie ein paar Alibi-Pfifferlinge und, wie nahezu in jedem Gang bisher, einige Blätter Rauke, bringen das Gericht schließlich auch nicht in höhere Sphären. (6/10)

Joël Robuchon Monte-Carlo – 23.11.2015

Bei den hausgemachten Spaghetti mit Alba-Trüffeln (€ 85) und Parmesan ziert jetzt zum fünften Mal Rauke den Teller. Zum fünften Mal fragt man sich, warum.

Davon abgesehen: Obwohl ich nicht der größte Freund der penetrant riechenden weißen Trüffeln bin, ist das erdige, ätherische Aroma dieser überfrischen Exemplare ganz ausgezeichnet. Es reichen ein paar Scheiben, um die gesamte Pasta damit zu aromatisieren. Die Nudeln selbst sind auf den Punkt gegart, aber deutlich zu dick für dieses Gericht. Ich bin etwas verärgert, mich bei diesem hohen Preis darauf eingelassen zu haben. (7/10)

Joël Robuchon Monte-Carlo – 23.11.2015

Das Dessert ist dann ein einziger karibischer Traum und könnte mit „Das Parfum der Inseln“ (Le parfum des îles, € 24) kaum treffender benannt sein. Wer schon mal in der französischen Karibik gewesen ist, wähnt sich mit der Kombination von Mango, Passionsfrucht, Rum und Vanille sofort an einen Strand auf Martinique. Köstlich! Mit dieser Geschmackswelt kriegt man mich sowieso immer. (8/10)

Dazu wären doch vielleicht ein paar Blätter Rauke ganz interessant gewesen. Nur so als Kontrast …

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Joël Robuchon Monte-Carlo (→ Website)
Chef de Cuisine: Christophe Cussac
Ort: Monte-Carlo, Monaco
Datum dieses Besuchs: 31.10.2015
Guide Michelin (F/MC 2015): **
Meine Bewertung dieses Essens (?): 6,5
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10 Antworten zu “Joël Robuchon Monte-Carlo – Raukefarce”

  1. Jp

    Schade mit der Rauke , gibt es nicht unzählige andere köstliche Salate ? Wünsche frohe Feiertage .

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  2. david

    Bitte überdenk noch einmal die Gerichte jetzt einzeln zu bewerten, ich schaue automatisch zuerst auf die Ziffer unten am Absatz. Das nimmt mir die Spannung beim Lesen. Dein Blog ist ansonsten Goldwert, gäbe es ein Bezahl-Abo ich würde es kaufen

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    • Trois Etoiles

      Danke für deine Anmerkung, David. Dieses „Risiko“ bin ich bewusst eingegangen. Bisher ist die Resonanz zu den Einzelnoten allerdings sehr positiv. Ich habe viel häufiger eine bestimmte Endnote erklären müssen, weil aufgrund der Beschreibugnen die Leser etwas anderes erwartet hätten. So kann z. B. in einem nicht besternten Restaurant eine sehr gute 7/10 ein „ziemlich gutes“ Gericht sein (weil ich es dort nicht erwarten würde), aber in einem Drei-Sterne-Restaurant würde ich aufgrund meiner Erwartungshaltung ein Gericht mit 7/10 wohl eher als „mäßig“ bezeichnen. Die Note, die ich mir ja ohnehin immer notiere, soll diese Ungenauigkeit ausgleichen.

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    • Trois Etoiles

      Die Weinkarte ist umfangreich, aber nicht sehr attraktiv. Große Namen, große Preise, enorme Aufschläge. Ich hatte zum Essen einen „2014 Invitare“ von Chapoutier für € 160, was ungefähr dem vierfachen aktuellen Handelspreis entspricht.

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  3. Erik Pratsch

    Hallo Julien, wie immer ein grandioser Bericht. Ich liebe Ihre Aus-und Anführungen. Nehmen Sie mir bitte den „Erklärbär“ nicht übel (Begriff habe ich von Herrn Stromann vernommen und für ganz gut befunden). Sie sprechen bei dem Gericht Aubergine „en caviar“ von Artischockenpampe und meinen wahrscheinlich doch die Auberginenpampe?! Herzliche Grüße Erik Pratsch

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    • Trois Etoiles

      Danke, soeben korrigiert! ;) Vermutlich war das ein Freud’scher Versprecher, da Artischocken meist so viel schmackhafter zubereitet sind. Herzliche Grüße zurück!

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  4. Uwe

    Hallo Julien,

    super die Bewertungen jedes einzelnen Gerichtes. Macht die Eindrücke noch besser verständlich.

    Über die Preise bis ich positiv überrascht, meistens sind die a la carte Preise deutlich höher. Das Menü an sich scheint ja auf magerem Niveau. Schade für die Produkte.

    Schönen kulinarischen Jahresausklang wünscht

    Uwe

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      • Uwe

        …mit Menü war Ihre Speisenfolge gemeint. Ändert ja aber eh nichts am Resultat. Schade für die Produkte.

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