Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Fischers Fritz

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Christian Lohse fischt frische Fische wahrscheinlich nicht selbst, serviert sie aber im Restaurant „Fischers Fritz“ im Hotel The Regent in Berlin-Mitte. Und zwar so frisch, dass ich mich frage, ob in der Spree seit neuestem auch Steinbutte heimisch sind.

Der Gruß gefällt; und die Vorspeise danach ist hervorragend. Die Terrine von der Gänsestopfleber auf geräuchertem Havelaal mit Pfefferkaramell und Konfitüre von violetten Auberginen ist eine sehr harmonische Kombination. Es ist schön, dass eine Gänseleberterrine einmal nicht von einem süßen Gelee ummantelt ist, sondern von der feinen Räuchernote des Havelaals ergänz wird. Eine harmonierende Süße bietet schließlich die Auberginenkonfitüre und das Stück Brioche. Eine außerordentlich gute Komposition.

Während der von mir ausgewählte Chassagne-Montrachet „Les Champgains“ 2006 von Niellon serviert wird, nimmt indes an einen Tisch unweit von uns ein junges Paar Platz, das die nächste Viertelstunde zu einem sensorischen Albtraum macht.

Um es kurz zu machen, denn dieser Bericht soll keine Sozialstudie werden: Der Zeitgeist oder die Finanzkrise mögen die Toleranzgrenzen hinsichtlich einer Kleiderordnung oder einem Mindestmaß an Benehmen in einem Restaurant vielleicht etwas verschoben haben, aber es sollte nach wie vor Grenzen geben. Wenn nämlich ein ständig in sein Handy tippender, T-Shirt tragender, sehr kurzsilbig sprechender Jugendlicher eine Deodorant-Wolke ausströmt, gegen die selbst (oder gerade) ein Chassagne-Montrachet keine Chance hat – und ich meine Hand schützend über das Weinglas legen muss -, dann kann dies eigentlich nicht im Sinn des Erfinders (oder Anwenders) aromatischer Küche sein. Nach einem kurzen Hinweis an das verständnisvolle Service-Team, sitzen wir wenig später an einem neuen Tisch und können uns wieder den eigentlichen Aromen widmen.

Erleichtert widme ich so mich dem nächsten Gang, der nicht auf der Karte steht. Es gäbe heute frische Morcheln aus Frankreich, so der Kellner, und man könne sich ein Gericht nach Wunsch zusammenstellen lassen. Ich bin positiv überrascht über diesen kreativen Freifahrtsschein, bitte jedoch um eine Überraschung und bereue das Ergebnis nicht im Geringsten: Eine knackig frische, frühlingshaft aromatische Komposition von Morchel und Stangenspargel wird wenig später serviert. Der Spargel und die intensiv-aromatischen Morcheln ergänzen sich vorzüglich.

Der elegante Burgunder hält derweil, was ich mir von ihm verspreche. Die feine Mineralität und der leicht buttrige Unterton harmonieren bisher perfekt zu dem Zwischengang.

Das nun folgende Mittelstück vom geangelten Steinbutt kommt mit großen sautierten Kräuterseitlingen auf Kalbsjus und Non-Pareilles-Kapern. Der Steinbutt ist perfekt. Nach einem solch feinen, krossen Goldbraun muss man lange suchen – die Konsitenz und der Geschmack lassen keine Wünsche offen. Wenig Schnörkel; der pure, frische Fisch, die unaufdringlichen Pilze dazu, die sehr gut von der Sauce unterstützt werden – ein Gericht, das glücklich macht. Mit € 60 pro Person auch keines der Schnäppchen auf der Karte; aber die herausragende Qualität rechtfertigt diesen Preis.

Am liebsten hätte ich hier jetzt einen Schnitt gemacht, denn das vorangegangene Gericht ist schwer zu überbieten, und man soll bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist. Aber die Patisserie in einem Sternerestaurant auszulassen ist Sünde. Oder sollte zumindest Sünde sein.

Die Grüße aus der Patisserie überzeugen und versprechen süße Träume.

Leider enttäuscht das eigentliche Dessert auf sowohl handwerklich als auch sensorisch. Der Schokoladencannelono mit Gegrilltem und Sorbet von der Nashi-Birne mit lauwarmer Schokoladensauce klingt hoffnungsvoll. Die Enttäuschung setzt ein, als ich versuche, das Schokoladenröllchen zu teilen. Als mir dies schließlich nach dem zweiten oder dritten kräftigen Schlag mit der Löffelkante gelingt, kommt ein seltsam anmutender Schokoladenschaum zum Vorschein. Der Nashi-Birne mangelt es dazu an Aroma (da kann auch kein Blattgold helfen), und somit lasse ich das Gericht dekonstruiert stehen.

Da der letzte Eindruck immer der jüngste ist, erfordert es einen kühlen Kopf, über diesen Fauxpas hinwegzusehen. Hinsichtlich der ungezwungenen Professionalität des jungen und motivierten Service-Teams, der großartigen Qualität und Frische der Zutaten ziehe ich jedoch ein sehr gutes Fazit und freue mich über ein in Summe gelungenes Essen auf sehr hohem Niveau. Ahoi, Berlin!

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Fischers Fritz (→ Website)
Chef de Cuisine: Christian Lohse
Ort: Berlin, Deutschland
Datum dieses Besuchs: 31.05.2008
Guide Michelin (D 2008): **
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7,9

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