Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Orangerie im Hotel Maritim Timmendorfer Strand – Sommer im Januar

Die Kombination aus Sonntag, Strandhotel im Winter und Mittagszeit erhöhen offenbar die Chancen nicht, im Restaurant Orangerie im Hotel Maritim Timmendorfer Strand auf besonders viele Gäste zu treffen, denn am Essen liegt es heute sicherlich nicht.

Die Tische in Saalmitte — an einem derer wir platziert werden — sind durch hüfthohe Wände in kleine Séparés unterteilt, was eine intime, gemütliche Atmosphäre schafft. Das Interieur des Restaurants könnte man vielleicht mit „in den 90ern aufgefrischtem 80er-Jahre-Landhaus-Flair“ beschreiben.

Wir bestellen beim Chefkellner drei Gänge à la carte, sowie Rosé-Champagner (Lanson Rosé, Glas € 14) zum Aperitif. Bedauerlicherweise bin ich heute Fahrer und habe somit das zweifelhafte Vergnügen, in der Weinkarte lediglich stöbern zu können. Allerdings bietet sie viele interessante Positionen, insbesondere aus Bordeaux und Burgund zu guten (oder sagen wir: branchenüblichen) Preisen. Man kann sich in der Sternegastronomie heutzutage bekanntlich schon freuen, wenn eine Weinkarte in der Region bis 150 Euro pro Flasche eine gute Auswahl bietet, was hier allerdings sehr wohl der Fall ist. An diesem Sonntagnachmittag kommt jedoch keine Flasche auf Tisch — das dürfte für mich Premiere sein. Nicht für einen Sonntagnachmittag, sondern für ein Gourmetrestaurant. (Wobei…)

Die ersten Amuse-Bouches werden gereicht: eine Löffeldegustationen mit Foie Gras und etwas Karamellisiertem; das andere Häppchen bekomme ich nicht zu probieren, da es in meinen Schoß und auf den Fußboden fällt — wie ungeschickt von mir. Der grüne Fliegenfischkaviar hinterlässt einen aggressiven Fleck auf meiner Hose.

Die nächsten Amuse-Bouches sind eine optische Augenweide und überzeugen auch geschmacklich. Ganz links ein Schnittchen mit, ich glaube, verschiedenen Tatars (Lachs und Tunfisch), Wasabi und einer Sesamstange. In der Mitte ein Bällchen von Confit de Canard auf einem Kartoffelsalat mit Speck, sowie ganz rechts ein Ragout fin in Blätterteig. Alles in allem gut gelungen, sieht man einmal vom Ragout fin ab, das per se eher wie Katzenfutter anmutet; zwar keine Aromaexplosion oder qualitative Offenbarung, aber in Summe doch gut ausgeführt. Auf dem Niveau darf es gerne weitergehen.

Der erste Gang, Hummersalat mit grünem Spargel, Pomelo und Zitronengras-Vinaigrette (€ 26) ist ein schönes, frisches Gericht, das zu dieser Jahreszeit schon fast fehl am Platz wirkt, so sehr schmeckt es nach einem lauen mediterranen Sommerabend. Die frische Vinaigrette mit feiner Säure passt sehr gut zum aromatischen Hummer.

Der nächste Gang, Steinbutt mit Kartoffelschuppen, Ossietra-Kaviar und Languste (€ 42) ist auch sehr gut. Ursprünglich wird dieses Gericht nicht mit der Languste, sondern mit einer gebackenen Auster serviert, ich habe jedoch um einen Auster-Ersatz gebeten und freue mich nun über die hervorragende Qualität der stattdessen gereichten Languste. Die Qualität des Steinbutts gefällt auch, genauso wie die dazu gereichte Champagnersauce, die, zusammen mit dem Kaviar, eine gelungene Harmonie bildet. Die Sauce ist sehr gut, und es gefällt, dass man sich über die Saucière noch Sauce nachnehmen kann. Leidglich das aus der Spritztülle aufgetane Kartoffelpüree (ach nein, in der Gastronomie ist ja derzeit der Begriff Kartoffelstampf en vogue) und das Brokkoli-Röschen sind wirklich fehl am Platz und geben dem Gericht eine unnötige Kantinen-Anmutung. Abgesehen davon ein sehr gutes Gericht mit hervorragenden Zutaten.

Ich habe noch Platz für das Rinderfilet „Rossini“ mit Gänseleber (womit sonst?, frage ich mich) und grünem Spargel (€ 34). Jetzt hat sich die Spitzengastronomie auch noch den Begriff Gänsestopfleber abgewöhnt, wahrscheinlich für ein besseres Gewissen der unwissenden Klientel. Wie dem auch sei, wird das Gericht klassisch mit einer Sauce périgueux serviert, ebenfalls in einer auf dem Tisch verbleibenden Saucière, was dem weiteren Genuss sehr zugute kommt. Das Filet kann jedoch leider nicht vollends überzeugen und ist trotz korrekten Gargrades nicht besonders zart. Das gesamte Gericht ist gut, aber nicht sehr gut. Hier sollte der Chefkoch Lutz Niemann vielleicht doch noch mal bei Paul Bocuse über den Tellerrand schauen, zwecks Inspirationen für diesen Klassiker.

Mittlerweile ist es schon nach 15:00 Uhr, die einzigen anderen Gäste sind längst gegangen, und wir sind angenehm gesättigt. Ein Dessert lehnen wir dankend ab und werden natürlich dennoch prompt mit Petits Fours und einer Pralinenauswahl zu süßen Naschereien genötigt. Wenn es denn sein muss…

Die Orangerie ist für mich eindeutig ein Sommerrestaurant. Die Speisen atmen eine sommerliche Frische, als wäre es draußen ein paar Dutzend Grad wärmer. Das Restaurant ist auf jeden Fall einen erneuten Besuch wert, wenn die Abende lau sind und sich die Gelegenheit ergibt.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Orangerie (→ Website)
Chef de Cuisine: Lutz Niemann
Ort: Timmendorfer Strand, Deutschland
Datum dieses Besuchs: 24.01.2010
Guide Michelin (D 2010): *
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7

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