Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Redd – Sterneküche braucht kein Tafelsilber

Quirlig und lebendig geht es hier zu, sobald einem die Türen zu einem der vielen gastronomischen Highlights in Amerikas „foodies‘ paradise“ (Yountville) geöffnet werden.

Das Restaurant beherbergt eine (vollbesetzte) Bar mit eifrigen Barkeepern und dynamischen Mittdreißigern aus der Gegend sowie einen (ebenfalls vollbesetzten) Speisesaal in puristischem Interieur. Es ist jung hier, laut und „trendy“ – und dabei gleichzeitig freundlich, unbeschwert und gemütlich. Kein Sehen-und-gesehen-werden, sondern ein bunter Mix frohgesinnter locals.

Wir beginnen den Abend mit einem Glas Schramsberg Rosé 2006 aus Napa ($16), während ich mir die Speisekarte ansehe, in der ich vorher bereits online mit Vorfreude gestöbert habe.

Hier gibt es keine Amuse-Sonstwas, keine Grüße und auch sonst wenig, das den europäisch „vorbelasteten“ Essensnarr vermuten lassen könnte, dass man in einem Restaurant mit Michelin-Stern sitzt — bis auf eines: hervorragendes Essen aus hervorragenden Zutaten zu unfassbar günstigen Preisen.

Ich beginne mit dem Sashimi of hamachi, sticky rice, edamame, lime ginger sauce für verblüffende $16 (€ 12). Der Tunfisch hat hervorragende Qualität; das Gericht strotzt vor Frische und ist wunderbar harmonisch.

Ich fahre fort mit dem Tasting of cold foie gras preparations, rhubarb, pistachios, brioche ($18), das alle Komponenten einer klassischen Foie-Gras-Vorspeise enthält, die das Herz begehrt, nur zum „halben“ Preis. Gut ausgeführt, sehr gute Qualität, aber irgendwie doch nicht das, was ich heute Abend hier suche. Das Gericht passt irgendwie nicht in diese Atmosphäre, was jedoch keine Kritik am Gericht selbst darstellt.

Ich freue mich auf der nächsten Gang, Glazed pork belly, apple purée, burdock, soy caramel für beinahe schon freche $13. Das Schwein ist zart und kross, und die Sauce passt hervorragend – mit Noten von Anis, Soja, Karamell und Malz – so schmeckt unprätentiöse Küche, die um ihrer selbst willen einen Stern verdient!

Der 2007er Chardonnay „South River Vineyard“ von Rochioli ($160) begeistert mit aufdringlichen Aromen von frisch aufgeschnittenen weißen Champignons. Ich habe das Weingut gerade erste heute Mittag in Healdsburg besucht, aber die seltenen Einzellagenweine wurden verständlicherweise nicht zur Verkostung angeboten. Umso mehr freue mich, hier im „Redd“ einen zu finden.

Als weiteres Gericht habe ich John dory, coconut jasmine rice, clams, chorizo, saffron curry nage ($28) gewählt und dabei überlesen, dass der Petersfisch mit clams (Venusmuscheln), in einer nage serviert wird – zwei Punkte, auf die ich heute Abend eigentlich keine Lust habe. Mir war eher nach einem gebratenem Fisch anstatt nach etwas Eintopfähnlichem. Ich probiere es, kann mich aber dennoch nicht anfreunden und teile dem Kellner mit, dass mir doch eher nach Prime new york steak and shortribs, carrot puré, bacon and cipollini onion ragout ($29) ist. Ich habe nicht erwartet, dass mir der Fisch nicht berechnet wird – was jedoch der Fall ist. So macht man sich Freunde.

Das Gericht (kurzgebraten und aufgeschnittenes Steak sowie äußerst zart geschmortes Rippenfleisch, dazu Karottenpüree, Zwiebelkompott und eine sehr gute dunkle Sauce), wenn auch nicht besonders hübsch präsentiert, ist ein fleischgewordener Traum. Ich möchte gar nicht mehr aufhören, zu essen.

Würde ich nicht gleich platzen, hätte ich mir jetzt alles noch mal bestellt (ohne den Petersfisch). Das „Redd“ vereint alle Elemente eines nahezu perfekten Restaurants: hervorragend schmeckende Gerichte aus sehr guten, regionalen Zutaten; fast schon unverschämt günstige Preise; absolute Alltagstauglichkeit; eine entspannte Atmosphäre; freundlicher und kompetenter Service sowie eine feine Weinkarte. Sterneküche braucht eben kein Tafelsilber.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Redd (→ Website)
Chef de Cuisine: Richard Reddington
Ort: Yountville, Kalifornien, USA
Datum dieses Besuchs: 22.04.2010
Guide Michelin (SFO 2010): *
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7

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