Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

The World’s 50 Most Hyped Restaurants

Jedem, der hart und mit Herzblut für eine Sache arbeitet und seine Ziele erreicht oder sogar übertrifft, ist zu gratulieren. Deshalb gratuliere auch ich allen platzierten Restaurants der vor zwei Tagen erschienenen Liste der „World’s 50 Best Restaurants“ ganz herzlich! Die vom britischen „Restaurant Magazine“ jährlich herausgegebene und von diversen Sponsoren finanzierte Liste sorgt regelmäßig für große mediale Aufmerksamkeit und ist daher verständlicherweise für die platzierten Restaurants zunehmend wichtig geworden.

Da ich in den Jahren 2010 und 2011 selber Jurymitglied gewesen bin (Nachtrag: und in 2013 nun wieder bin), möchte die diesjährige Liste zum Anlass nehmen, ein bisschen aus dem Nähkästchen zu plaudern. Dies dürfte gerade für diejenigen Leser interessant sein, die sich – mangels entsprechender Hintergrundinformationen – ein genaueres Bild über die Aussagefähigkeit dieser Liste verschaffen möchten.

Das Abstimmungsverfahren wird über (derzeit 26) verschiedene Regionen organisiert, der jeweils eine Person vorsitzt, der so genannte Academy Chairman. Als ich 2010 in die Jury für Deutschland berufen wurde, war dies Thomas Ruhl, u. a. Herausgeber und Chefredakteur des Magazins Port Culinaire.

Dieser Vorsitzende wählt 36 Personen in die Jury, die sich aus „Fachjournalisten, Restaurateuren, Küchenchefs und Gourmands“ zusammensetzt. Ungefähr ein Drittel der Mitglieder wird jedes Jahr ausgetauscht.

Irgendwann erhält man dann als Jurymitglied eine E-Mail mit Zugangsdaten zu einem Abstimmungsformular, indem man seine sieben Lieblingsrestaurants eintragen kann. Mindestens drei der gewählten Restaurants sollen dabei außerhalb der eigenen Region liegen. Ebenfalls wird man freundlich darum gebeten, in den gewählten Restaurants innerhalb der vergangenen 18 Monate gegessen zu haben. Einen Nachweis dafür muss man allerdings nicht erbringen.

Aus den dann eingegangenen 936 Stimmen wird dann eine Rangliste der 100 (nicht 50) bestplatzierten Restaurants erstellt.

Als ich zum ersten Mal an diesem Abstimmungsverfahren teilnahm, fielen mir sehr schnell die Mängel dieser Vorgehensweise auf. Der eklatanteste ich natürlich, dass man keinen Nachweis erbringen muss, tatsächlich in einem der Restaurants gespeist zu haben, dabei wäre ein solcher Nachweis, z. B. durch den Upload eines entsprechenden Dokuments (Foto, Rechnung, Reservierungsbestätigung), einfach zu erbringen.

Doch nur so ist es natürlich überhaupt möglich, dass Restaurants wie elBulli und auch das noma sich über Plätze auf dem Siegertreppchen freuen können. Ich persönlich habe erhebliche Zweifel daran, dass ein signifikanter Anteil an Jurymitgliedern in diesen (oder anderen) Restaurants tatsächlich essen war.

Folgt man jedoch mit seiner Stimmabgabe nicht den kulinarischen Trends („nordisch“, „spanisch“ usw.), sondern stimmt wahrheitsgemäß für die besten sieben Restaurants, in denen man innerhalb der letzten 18 Monate essen war, verschenkt man seine Stimme.

Die Liste der „World’s 50 Best Restaurants“ spiegelt also ausschließlich eine Rangliste derjenigen Restaurants wieder, die die Jurymitglieder gerade besonders beschäftigen – also meist Restaurants, die gerade en vogue sind, aus welchen Gründen auch immer. Dass dabei auch besonders viele unsinnige Aussagen herauskommen, ist unvermeidlich.

Im El Celler de Can Roca isst man natürlich keinesfalls “besser“ als im Le Meurice, bei Joël Robuchon oder im Eleven Madison Park. Man isst dort, wenn man Pech hat, mitunter ganz fürchterlich, siehe http://www.troisetoiles.de/2010/10/21/el-celler-de-can-roca/.

So ist die „World’s 50 Best“-Liste zwar eine interessante Trendanalyse, aber keinesfalls eine qualitative Bewertung von Restaurants, wie der Titel suggeriert.

Und somit gratuliere ich auch dieses Jahr nicht nur den Restaurants, die hier platziert sind, sondern vor allem all den fantastischen Restaurants, die hier nicht platziert sind und in denen man häufig viel besser speist: Gratulation ans L‘Ambroisie, Schloss Berg, Chef’s Table at Brooklyn Fare, Guy Savoy, Epicure, Oud Sluis, Le Moissonnier, Meierei Dirk Luther, The Square, L’Arnsbourg und viele, viele mehr!

PS: Die verlässlichere Liste der derzeit 104 besten Restaurants der Welt gibt es übrigens hier: http://www.troisetoiles.de/restaurants/3-sterne-restaurants/.

7 Antworten zu “The World’s 50 Most Hyped Restaurants”

  1. Matthias

    Ein superlativ für Restaurants ist meiner Meinung nach ohnehin unsinnig. DAS beste Restaurant gibt es, wie Sie es lieber Julien richtig anmerken, nicht! Vielmehr gibt es für jeden Geschmack und Vorliebe die passenden Restaurants, unabhängig davon ob diese auf einer Liste erscheinen oder nicht.

    Es wäre wünschenswert, dass noch mehr Blogger/Journalisten und relevante Medien diese Auszeichnung kritisch hinterfragen und somit ein realistischeres Bild in der Öffentlichkeit gezeichnet wird.

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  2. Alex

    Guter Beitrag. Du hast vollkommen recht: Es handelt sich mehr um eine Trendanalyse. Am meisten bin ich immer gespannt auf die Bistronomics Geschichten. Schon erstaunlich trotzdem, wie lange sich zB eine Momofuku Ssam Bar schon in den Top 100 hält… Das sind dann wohl echte Trendsetter.

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    • Julien Walther (Trois Etoiles)

      Mein Erlebnis im „Momofuku Ko“ war hervorragend! Kein Wunder, dass der kleinere Bruder „Ssam Bar“ sich in der Liste hält – im „Ko“ bekommt man schließlich so gut wie keinen Tisch. Dieser „Unkompliziert-auf-hohem-Niveau-essen-gehen-Faktor“, den man nur in Metropolen erleben kann, zieht sich ja auch durch die Liste: Chateaubriand, L’Atelier Robuchon, Ssam Bar … Zu Recht! So will man gerne häufiger essen gehen. Also keine Frage: Tolle Restaurants in der Liste – aber eben ein völlig unpassender Titel und eine entsprechend unsinnige Berichterstattung in den Medien.

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  3. Eline

    Julien,
    ich bin sehr froh, dass nicht alle auf diese Hype reinfallen. Daher danke für diesen Kommentar und den Einblick in den Abstimmungsmodus.
    Schlimm finde ich, dass diese dubiose Liste in fast allen Medien kritiklos publiziert wird.
    Auch wir haben bei den Roca-Brüdern nicht wirklich gut gegessen. Auch das Steirereck ist sicher nicht das beste Restaurant Österreichs, die Position 9 völlig unverständlich. Französische und italienische Restaurants dürften komplett aus der Mode gekommen und daher auf der Liste weit nach unten gerutscht sein.
    Gut, dass es auch andere Quellen gibt, für mich ist Trois Etoiles eine ganz wichtige!

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  4. Stevie

    Lieber Julien,

    Du sprichst (schreibst) mir – wie so oft – aus dem Herzen und aus dem Magen. Genau so ist es – es ist sicher eine Liste der meistbesprochenen oder der vermeintlich begehrtesten Restaurants der Welt und keinesfalls der besten.

    Dass die Liste aus (aus unterschiedlichen Gründen) interessanten Restaurants besteht, steht außer Zweifel – aber sie kann auch nur ein Teil des Roten Fadens sein, der einen dazu bringt, etwas auszuprobieren.

    Die Mischung aus den einschlägigen Verzeichnissen, dem Michelin, der hier besprochenen Pellegrino-Liste, je nach Region dem Gault Millau oder dem ZAGAT, und am wichtigsten Trois Etoiles (und ähnlich ehrlichen(!) Bloggern) bringt tolle Vorschläge hervor, was man probieren sollte.

    Dabei kann ein „Rang“ über die ganze Branche hinweg oft nur schwerlich eine Rolle spielen, das MASA in NYC ist nur schwer vergleichbar mit dem Steierereck (besser? schlechter?) – die sind so dermaßen unterschiedlich, dass da eine echte Rangfolge eher künstlich wirkt.

    In der Vielfalt liegt die Kraft, heute mal so, morgen mal so; dieses mit sozusagen einer kompromisslosen Grundqualität als positives Kriterium bringt den richtigen Spaß. Diese Vielfalt wollen wir ja auch haben, denn wenn alle genau so und im selben Stil kochen würden, würde es nicht so viel Spaß machen.

    … und da der Beitrag schon wieder Überlänge hat, höre ich jetzt auf!!!

    Danke, Julien, für diesen ehrlichen, sehr gelungen und auch erhellenden Beitrag!

    Stevie

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