Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Osteria Mozza – bella USA

Wenn es um die Frage geht, wo man gut italienisch essen gehen kann, ist es alles andere als abwegig, zuerst an die USA zu denken. In den Metropolen der Vereinigten Staaten gibt es wunderbare italienische Restaurants, die es schaffen, die herzhafte Süffigkeit der italienischen Küche in moderne Gastronomiekonzepte zu verpacken. Ein typischer Nachbarschaftsitalienier in Deutschland? Danke, nein. Stellen Sie mir diese Frage lieber noch mal in New York oder Los Angeles.

Ein entscheidender Unterschied zwischen den meisten italienischen Restaurants unserer Breiten und denen überm Atlantik ist der Anspruch des amerikanischen Metropolenpublikums an Frische. Fertigpasta mit thailändischen Tiefkühlgarnelen, viel Knoblauch und einer großen Pfeffermühle kann man nur deutschen Gästen auftischen. Und solange man das kann, wird sich an dieser desolaten Situation bei uns nichts ändern.

In den USA – ich rede noch immer von den Metropolen – ist das völlig anders. Dort verlangen die Gäste frische Produkte, können scampi (Kaisergranat) sehr wohl von gamberetti (Garnelen) unterscheiden und würden sich auch in ihrer Nachbarschaft von keinem noch so schmierigen Pseudo-Italiener abzocken lassen.

Osteria Mozza – 03.08.2015

In Los Angeles gibt es zum Beispiel die Osteria Mozza. Das ist eines der Dutzenden Restaurants aus dem Imperium von Mario Battali, der unter anderem auch das Del Posto und Lupa in New York City führt.

Ein heiteres Publikum aller Couleur bringt die Atmosphäre hier zum Pulsieren. Überall wird gelacht, diskutiert, Wein bestellt und gegessen. Lediglich die Klimaanlage, die auf irgendetwas wie Außentemperatur × 0,5 eingestellt sein muss, trübt mein Wohlbefinden ein wenig. Dabei bin ich ein ausgesprochener Fan von geregelter Klimatisierung, auch ein Thema, das bei uns konstant vernachlässigt wird. Ich habe nämlich keine Lust, den ganzen Abend im Atemdunst anderer Gäste zu sitzen. Im Gegensatz zu Kälte macht das nämlich tatsächlich krank. Dann lieber so.

Osteria Mozza – 03.08.2015

Ich bestelle an diesem Abend nicht viel, aber die Gerichte, die ich esse, sind alle ausgezeichnet. In 2009, als der Michelin zuletzt noch in Los Angeles bewertete, leuchtete hier noch ein Stern – sowie vier von der Los Angeles Times.

Osteria Mozza – 03.08.2015

In den durch die Form bedingten Mulden der hausgemachten Orecchiette (ca. € 20), zum Beispiel, die perfekt al dente gegart sind, verfängt sich ein dampfend heißes Sugo, das verführerischste Aromen von Rosmarin und einem Hauch Anis in meine Atemwege befördert. Salsiccia, Mangold und Bröseln von getrockneter Tomate sind weitere Zutaten dieses Traums von einem Pastagericht. Mamma mia! (9/10)

Osteria Mozza – 03.08.2015

Burrata & Bacon (ca. € 15), ebenfalls auf dem Tisch, beinhaltet in Olivenöl mariniertes Brot, darauf eine Reihe hervorragender Zutaten: marinierte Endivie, knuspriger Bauchspeck, Burrata, karamellisierte Schalotten – alles frisch und in fantastischer Qualität. (7/10)

Osteria Mozza – 03.08.2015

Eine in Scheiben aufgeschnittene Lammkeule (ca. € 27) begeistert mich danach nicht nur durch die hervorragende Qualität und anstandslose Garung. Auch der Schnitt, etwas quer zur Faser, sorgt für ein angenehmes Mundgefühl. In Kombination mit sardischer Fregola und einer Minze-Joghurt-Sauce ist der einfache, gute Fleischgenuss komplett. (7/10) Kleine Portionen braucht hier übrigens niemand zu befürchten.

Glücklich gesättigt und ziemlich durchgefroren entscheide ich mich gegen ein Dessert – und dafür, dieses Restaurant ziemlich gut zu finden! Das nächste Mal bringe ich einen Pullover mit.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Osteria Mozza (→ Website)
Chef de Cuisine: Nancy Silverton
Ort: Los Angeles, USA
Datum dieses Besuchs: 03.08.2015
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7,9
Diskussion bei Facebook: hier klicken

6 Antworten zu “Osteria Mozza – bella USA”

  1. Tim Paul

    „In den USA – ich rede noch immer von den Metropolen – ist das völlig anders. Dort verlangen die Gäste frische Produkte, können scampi (Kaisergranat) sehr wohl von gamberetti (Garnelen) unterscheiden und würden sich auch in ihrer Nachbarschaft von keinem noch so schmierigen Pseudo-Italiener abzocken lassen.“

    Stimmt, darum gibt es in den amerkanischen Metropolen (ich war leider nur in NYC, LA und SF) auch kaum Fastfood Restaurants und AYCE-Chinesen, zweifelhafte Foodtrucks mit immensen Erfolg und Trends wie teuren Cognac mit Cola zu trinken. Stattdessen Farmermärkte an jeder Ecke, bekochende Handwerkskunst wohin man schaut, Handcrafted Bier und Brot und eine gebildete Klientel die blind die Herkunft vom Risotto Reis ertastet …
    Ihr Frust muss unendlich sein – anders kann man solche Klischees nicht erklären.

    Antworten
    • Julien Walther (Trois Etoiles)

      Ich bin jedes Jahr mehrfach in den USA und habe daher erst zum Schluss Ihres Kommentars Ihre Ironie verstanden. Genauso ist es doch. Es gibt Farmer’s Markets an jeder Ecke, Craft-Beer-Trends usw. Vergleichen Sie doch mal diese Dinge: einen Wochenmarkt in SF gegen einen in, z. B., Hamburg. Ersterer: regionale Erzeuger, die für ihre Produkte einstehen; letzterer: Chichi-Publikum schiebt Kinderwägen an Ständen von Großmarktanbietern vorbei und sucht verzweifelt Lauchstangen mit Biosiegel. Aus diesem Grund gehe ich hier gar nicht auf den Markt, sondern habe eigene Quellen für gute Produkte. Ich habe gerade Fotos von einem Farmer’s Market in LA vor mir, das dort Gebotene ist großartig.

      Dann Supermärkte: schon ein Dean&Deluca ist besser sortiert als jeder Edeka und jedes FrischeParadies.

      Restaurants: darüber berichte ich doch regelmäßig. Natürlich gibt es Fast Food & Co., aber es gibt eben noch so viel dazwischen, das hervorragend ist. Ich bin bald wieder in NY und werde Beispiele posten.

      Viele Grüße!

      Antworten
      • David

        Die Beobachtung des Autors ist doch nicht, dass es keine italienischen Restaurants mit Karotischdecken oder Supermärkte mit haufenweise genetisch modifizierten Waren mehr gibt, sondern viel mehr, dass darüber hinaus ein Angebot existiert, welches in deutschen Großstädten nur rudimentär ausgebildet ist.
        Die kritische Masse an jungen Menschen, für welche hochwertige Lebensmittel im Alltag und wöchentliche gastronomische und kulinarische Freuden besondere Priorität haben, wird jedenfalls in Hamburg nicht überschritten.

        Insofern haben Sie mich nun tatsächlich sehr neugierig gemacht, Julien. Was sind ihre Quellen für gute Lebensmittel in Hamburg? Lassen Sie nach dem Vorbild Passards eigene Gärten kultivieren? ;) Nutzen Sie Ihre Kontakte zu den Küchenchefs Ihres Vertrauens oder gibt es in Hamburg eine Untergrundbewegung, welche sich meiner Wahrnehmung bislang entzieht?

        Beste Grüße

        Antworten
        • Julien Walther (Trois Etoiles)

          Das ist zutreffend zusammengefasst, David.

          Bezüglich des komplizierten Nahrungsmittelbeschaffungsthemas: Es ist eine Mischung aus verschiedenen Anstrengungen. Einige Produkte beziehe ich tatsächlich mit der Unterstützung von Gastronomen/Köchen bzw. greife auf deren Quellen zurück, auch wenn das eben heißt, am Samstagmorgen um 7 Uhr irgendeine Ware abzuholen. Aber das meiste bekomme ich natürlich im Schlaraffenland im Untergrund ;).

          Antworten
      • Tim Paul

        Herr Walther,
        Ihr Blog ist wirklich toll. Sie haben eine Begabung mit Worten zu jonglieren und so die Gerichte und Atmosphäre des Abends nachvollziehbar zu machen. Alleine die (manchmal) oberlehrerhafte Art sich über andere zu mokieren, gepaart mit bescheuerten Klischees und Vergleichen nervt.
        Märkte im sonnenverwöhnten Kalifornien mit norddeutschen Märkten zu vergleichen ist genauso verwegen, wie die Gastronomieszene von 10 Mio Einwohner Metropolen mit dem fast beschaulichen Hamburg zu vergleichen. Ich vergleiche ja auch nicht die Restaurantauswahl in Hamburg oder München mit Rostock oder Ingolstadt oder das Geschäft Mutterland mit dem Tante Emma Laden um die Ecke.
        Die Diskussion ist ein wenig müßig – es ist Ihr Blog und Sie werden genau wissen warum Sie was wie schreiben.
        Viele Grüße

        Antworten
  2. ac

    „und würden sich auch in ihrer Nachbarschaft von keinem noch so schmierigen Pseudo-Italiener abzocken lassen.“ also diesen Satz mein lieber Freund des guten Geschmacks, halte ich maßlos optimistisch ;-)

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Einfaches HTML ist erlaubt. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diesen Kommentar-Feed über RSS abonnieren