Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Estimar – Schätze das Meer

In einer kleinen Gasse unweit der Touristenmeile Rambla in Barcelona findet man das unprätentiöse Fischrestaurant Estimar. Das Restaurant ist ein nicht mehr so ganz geheimer Geheimtipp unter Produktliebhabern, aber Reservierungen sind nicht schwierig zu ergattern.

Inhaber und Küchenchef ist Rafael Zafra, Qualitätsfanatiker sowie ehemaliger Schüler in einigen der besten Restaurants Spaniens, deren eindrucksvolle Auflistung man woanders recherchieren kann.

Im Estimar geht es um Fisch und Meeresfrüchte (Gastrojargon „Seafood“), und das wird spätestens dann offenkundig, wenn man durch die unscheinbaren Türen des Lokals hineinspaziert.

Allerfeinstes Meeresgetier liegt dort akkurat aneinandergereiht auf Eis in einer offenen Kühltruhe vor der Küche. Es sind die Fänge des Tages: enorme Kaisergranate, hochglänzende Garnelen, grimmig blickende Skorpionsfische, Brassen und weiteres edles Getier bieten mir an diesem Mittag einen appetitanregenden Anblick.

Die Speisekarte spricht eine schlichte, schöne Sprache. Produkte, Produkte, Produkte, gegrillt, frittiert oder gekocht, dazu verschiedene weitere Kleinigkeiten. Ausnahmslos jede Speise klingt ansprechend.

Als Einstimmung gibt es erst einmal ein dreifaches Hoch auf die hervorragenden Zutaten. Einige Stücke Sardine mit Olivenöl sind perfekt gewürzt ‒ leicht pikant ‒ und ganz wunderbar in ihrer Einfachheit. Gegarte Strandschnecken pult man mit entsprechendem Besteck direkt aus ihrem Gehäuse. Sie haben großes Suchtpotenzial. Oliven sind ebenfalls sehr gut. Ein sehr guter, schlichter Auftakt voller Frische und von bestmöglicher Qualität. — 7

Das salzige Wasser Vichy Catalan passt verblüffend gut dazu, genauso wie ein guter, mineralischer Chablis (nicht notiert, Glas € 7). Grauburgunder und Weißweinschorle sind hier glücklicherweise sehr weit entfernt.

Mein erster Gang ist ein Krustentiercarpaccio mit einem Kompott von karamellisierten Zwiebeln (€ 24). Man streicht ‒ oder vielmehr legt ‒ das überfrische Carpaccio mit einem Spatel auf dünnes, knusprig geröstetes Brot und schließt dann am besten die Augen. Das Zwiebelkompott bringt eine süßlich-herzhafte Geschmackstiefe mit ins Spiel, die vermutlich jedem Esser ein genussvolles Mmmmh! entlockt. Das Gericht ist als Hommage zum elBulli (1995) ausgewiesen, eine der ehemaligen Arbeitsstätten des Küchenchefs. — 8

Meine weitere Wahl fällt auf gebratene Stabmuscheln (€ 16). Sie kommen in einer schweren Kasserolle direkt auf den Tisch und baden in einer warmen, hervorragend würzigen Marinade, die nach Fenchel, Knoblauch, Muscheln und Salz schmeckt. Ich poliere den Topf genüsslich blitzblank, etwas Weißbrot zum Stippen hilft mir dabei. — 7

Gleichzeitig auf dem Tisch liegen in Olivenöl frittierte Sardellen mit einer Zitronen-Mayonnaise. Das isst sich ebenfalls recht gut weg, obwohl die Panierung eher pappig als knusprig ist. — 6,5

Aus der „Vom Grill“-Sektion wähle ich noch Kaisergranat und rote Garnele (aus Roses). Die Zutaten werden nach Gewicht abgerechnet, was beim Kaisergranat naturgemäß zu wenig Produkt für viel Geld führt, hier sind es € 68,40 für 360 Gramm (zu sehen ist das halbe Tier). Eine rote Garnele ist mit € 12 für 60 Gramm auch nicht gerade ein Schnäppchen, aber beide Produkte sind mehr als gut. Für Freunde des Pulens. — 6,9

Ein ganz puristischer Tomatensalat mit Olivenöl, Zwiebeln, Salz und Pfeffer schließt das ‒ doch schon wieder üppiger als gewollt ausgefallene ‒ Mittagessen erfrischend und hochwertig ab. — 6,9

Das Estimar ist ein wunderbares Restaurant, wenn man Lust auf unkomplizierte, qualitativ exzellente Produktküche verspürt. Verführerisch klingendes Fleisch findet man übrigens auch auf der Karte. Ich sag’s ja nur.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Estimar (→ Website)
Chef de Cuisine: Rafael Zafra
Ort: Barcelona, Spanien
Datum dieses Besuchs: 12.07.2018
Guide Michelin (ES 2018): Empfehlung
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7 (Was bedeutet das?)
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7 Antworten zu “Estimar – Schätze das Meer”

  1. Dieter

    Ja, das Phänomen ist bekannt. Pasta, Promis, Pinot Grigio und Prosecco lassen grüssen.
    Es ist Halbgeschmack, Vernissagengeplapper und Markenexhibitionismus.
    Es sind die Zwänge des Marktes und unsere Wichtigtuerei – nach dem Motto: Wir haben keine Ahnung, aber wir machen mit!

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  2. Jörn

    Ist das mit der niedrigen Frittiertemperatur ironisch gemeint? 165° sind normalerweise völlig ausreichend, um Panade/Stärke knusprig werden zu lassen.

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    • Julien Walther (Trois Etoiles)

      Sie haben vollkommen recht. Ich hatte diesbezüglich eine Notiz bzgl. niedriger Temperatur in einen falschen Zusammenhang gebracht. 180 °C (laut Speisekarte) sind tatsächlich schon eher hoch als niedrig. Danke für den Hinweis, ich habe die Passage korrigiert. Vermutlich lagen die Speisen einfach etwas zu lange herum.

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  3. Lic. iur. Vladimiro

    Das Estimar hat wahrscheinlich die geilsten Meeresprodukte in Barcelona neben Alkimia. Rafa Zafra weisst es wohl – und die Preise sind dementsprechend hoch. Dort hatte ich die beste Garnele meines Lebens…

    Aber auch der Kaisergranat in dem Bericht ist nicht ohne. 360 Gramm ist schon Referenzniveau; es gibt wenig Restaurants in Spanien, die solche Qualitäten anbieten. Ich kaufe oft Kaisergranat und ab 250 Gramm wird die Luft schon dünn…zudem die grösseren Tiere oft Beschädigungen aufweisen.

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  4. Uwe

    ….verstehe ich das richtig das du keinen Grauburgunder magst? Das würde uns am Kaiserstuhl aber richtig traurig machen. Denn hier gibt es wahrscheinlich mit die besten Weltweit. Lade dich gerne mal zu einer Probe ein.

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    • Dieter

      Grauburgunder? Da gibt es die Oberbergener Bassgeigen von Franz Keller. Ein echter Trinkgenuß.
      Ihm ist es zu verdanken, dass deutscher Wein heute wieder schmeckt.

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      • Julien Walther (Trois Etoiles)

        Ja, es gibt sicher viele exzellente Beispiele. Leider ist das zielstrebige Bestellen eines Grauburgunders ‒ wohlbemerkt ohne jegliches Interesse für Erzeuger und Herkunft ‒ in der deutschen Restaurantlandschaft ein oft zu beobachtendes Phänomen. Ich habe allein in den letzten zwei Wochen drei Situationen erlebt, in denen Gäste selbst in Restaurants mit umfangreicher, exzellenter Weinkarte, wie aus der Pistole geschossen „einen Grauburgunder“ bestellt haben als sei die Rebsorte die beste Antwort auf alle Weinfragen. Bei solchen Gästen hat die zunehmende Popularität für deutsche Weine leider nur bewirkt, dass es für „Pinogridscho“ nun auch einen deutschen Begriff gibt.

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