Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Dos Palillos – Stäbchen, Stern und Schweineschnauze

Das ist jetzt genau das Richtige. Eine Reservierung am Mittag in einem besternten Tresenrestaurant mit asiatisch inspirierter Küche inmitten von Barcelonas Altstadt. Allein diese Kombination klingt für mich schon vielversprechend.

Man betritt das Restaurant über einen Eingangsbereich mit einer Bar, die vor allem für Gäste ohne Reservierung vorgesehen ist. Ich nehme im eigentlichen Speisesaal Platz.

Dort rahmt ein u-förmiger Tresen mit rund 16 Sitzplätzen eine offene Küche ein, die als zentrales Element über einen offenen Holzkohlegrill verfügt. Das schwarzrote Ambiente erinnert unweigerlich an ein Atelier de Joël Robuchon – mit einer Prise mehr Laissez-faire.

Die Speisekarte ist in die Rubriken „Sushi“, „Gedämpftes“, „Grill“, „Wok“ und „Holzkohlegrill“ unterteilt und bietet kleine, günstige Gerichte für meist deutlich unter zehn Euro. Degustationsmenüs sind auch verfügbar, in Varianten um hundert Euro. Sämtliche Speisen klingen wohlschmeckend, was eine Entscheidung erschwert.

Wenn die Vielfalt so groß ist, involviere ich häufig den Service, was auch hier eine gute Idee ist. Nach einem kurzen Austausch mit dem Team steht eine Auswahl von Einzelgerichten.

Es geht los mit kleinen frittierten Krabben mit einer netzartigen Algenzubereitung, die an ein Fischernetz erinnern soll (€ 5,50) ‒ ein salzig-knuspriger, pikanter Auftakt, den ich mit Vergnügen wegknabbere (6,9). Es folgen weitere, auf Kapuzinerkresse angerichtete Fingersnacks in Form von einer enthäuteten und würzig marinierten Tomate mit zugleich salzigem und süßlichem Geschmack (7), sowie ein Snack mit knuspriger Schweinehaut, der raffiniert gewürzt ist („ten yang yu style“) ‒ ebenfalls sehr gut (7).

Als nächstes gibt es ein Gericht mit grünen Udon-Nudeln und Entenmuscheln (percebes), Letztere eine besonders begehrenswerte Zutat. Eine schaumige, leicht salzige und jodige Sauce komplettiert ein Geschmacksbild von Meer und Meeresbrise. Ein fantastisches Gericht mit exzellenten Zutaten und hervorragendem Handwerk für acht Euro fünfzig. — 8,5

Die Stimmung ist gelöst, die Küchencrew souverän und humorvoll. Das gute Gefühl, genau jetzt, genau hier am richtigen Ort zu sein, füllt mich aus.

Mit einem Teller mit Sushi zum Selberbasteln geht es weiter. Es gibt Bauchfleisch vom Thunfisch sowie gegrillten, süßlich lackierten Aal (€ 13,90 bzw. € 12). Der Fisch ist auf bemerkenswert gut gegartem Koshihikari-Reis gebettet. Mithilfe von Nori- und Shiso-Blättern und weiteren Condiments kann man sich auf diese Weise seine eigenen Sushi-Kreationen basteln. Handwerklich scheitere ich daran kläglich, geschmacklich kann man dagegen bei den fabelhaften Produkten kaum etwas falsch machen. — 7,5

Zwei gegrillte Hälften Steinpilz folgen als nächstes (€ 5,20). Sie sind mit einigen Tropfen Pinienöl aromatisiert, was den Geschmack nach Wald in den Vordergrund bringt. Nicht zu saure Grapefruit sorgt dabei für etwas Frische. Eine hervorragende Produktpräsentation. — 7,5

Vom Wald geht es wieder kurz zum Meer über. Zunächst sorgt ein Nigiri-Sushi mit pochierter Auster und mariniertem, gegrilltem Kombu (€ 7,20) für jodigen Ozeangeschmack (8), danach begeistert eine Handvoll heißer, scharf angebratener Zwergtintenfische (morralets) in würziger Marinade (€ 6) für weiteren Knabberspaß auf hohem Niveau (7,5). Alle Produkte sind von außergewöhnlicher Qualität.

Xiaolongbao, die gedämpften Teigtaschen aus Shanghai, sind auch hier in Barcelona hervorragend umgesetzt. Dünner Teig, eine süffige, nach Zwiebeln schmeckende Füllung und schmelzender iberischer Schinken sorgen für Hochgenuss. Besser als viele Exemplare in China. — 8

Wenn man mich in Restaurants nach Zutaten fragt, die ich nicht esse, antworte ich manchmal spaßeshalber „Seegurkenrogen“. Spaßeshalber, weil die Wahrscheinlichkeit, diese Zutat in außerhalb Japans serviert zu bekommen, gegen Null geht, aber doch allen Ernstes, denn die schleimige, salzige Masse habe ich aus Kaiseki-Menüs in Kyoto nicht in allerbester Erinnerung.

Wer hätte gedacht, dass sie mir in einem kreativen Tresenrestaurant in Spanien wiederbegegnen würde? Nach dem Motto „sag niemals nie“ gefällt mir die Verwendung im folgenden Gericht jedoch äußerst gut. Das schleimige, salzige Zeug ummantelt hier einige scharf angebratene Stück Seegurke, die von ihrer Textur an Tintenfisch oder Pasta erinnern. Dazu gibt es wie Rogen aussehende Sphären mit weißem Sesam, feurige Schärfe von etwas Chili sowie, à part, in Yuzu eingelegte Gurke. Ein unerwarteter Hochgenuss mit ungewöhnlichen Ingredienzen. — 8

Weiter geht’s mit einem kleinen Fleisch-Tasting. Über Holzkohle gegarte Scheiben Wagyu-Rind aus Kagoshima benötigen nicht mehr als ein bisschen Feuer vom Grill und eine Sauce mit Yuzu und Wasabi, um für augenschließenden Genuss zu sorgen (8); spanisches Schwein „tataki tandoori style“ begeistert mit einer scharfen indischen Gewürzaromatik und einer mürben, eher an Rind erinnernden Textur (7).

Die letzte Kreation ‒ auf Dessert verzichte ich in Anbetracht des noch geplanten Abendessens ‒ ist ein zwölf Stunden bei 65 Grad gegartes und anschließend scharf angegrilltes und karamellisiertes Stück Schweineschnauze in Scheiben. Eine würzige kantonesische Sauce transportiert die Fleischportion erneut in eine fernöstliche, exzellente Geschmackswelt. — 7

Das kurzweilige Mittagessen in lebhafter, unprätentiöser Atmosphäre hat mich in kulinarischer Hinsicht vor allem wegen der hervorragenden Produkte und sehr gelungenen Geschmacksbilder begeistert. Trotz der kräftigeren Aromen durch den Holzkohlegrill und oft auch etwas Schärfe waren alle Kreationen feinsinnig und handwerklich makellos umgesetzt. Dos palillos bedeutet zwar „zwei Stäbchen“, aber ein zweites Sternchen blitzt hier auch schon mal hervor ‒ bei fast schon unverschämt günstigen Preisen. Hingehen!

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Dos Palillos (→ Website)
Chef de Cuisine: Albert Raurich
Ort: Barcelona, Spanien
Datum dieses Besuchs: 13.07.2018
Guide Michelin (E/PT 2018): *
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7,5 (Was bedeutet das?)
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4 Antworten zu “Dos Palillos – Stäbchen, Stern und Schweineschnauze”

  1. Frank Waldfahrer

    Auch ich trauere dem Dos Palillos im Casa Camper-Hotel in Berlin (Weinmeisterstr.) nach. Ich war dort einige Male zu Gast und durfte ein weitgehend stimmiges Menü degustieren. Anfangs war das Restaurant immer voll, d.h. es bestand Reservierungszwang. Nach einiger Zeit waren die Plätze weniger gefüllt. Ich weiß nicht, woran der Rückgang des Interesses lag, die Kritiken in den maßgeblichen Medien waren durchwegs positiv. Das Küchenkonzept (offene Küche, Köche servieren selbst) fand ich auch sehr ansprechend.
    Wenn ich wieder in Barcelona bin, werde ich sicher dort reservieren.

    Lieber Herr Walther, vielen Dank für Ihren informativen Bericht!

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  2. Konstantin von Stechow

    In Berlin gab es mal ein Restaurant mit demselben Namen und Konzept, das auch von Albert Raurich geleitet wurde. Ich durfte dort einmal zu Mittag essen und fand es geschmacklich hervorragend, die Atmosphäre im Laden jedoch leider etwas kühl. Schön, dass es hier anders zu sein scheint.

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      • Oliver Schiffers

        Das Dos Palillos in Berlin war ein herrliches Pop-Up im Casa Camper Hotel. Leider, willkommen in Deutschland, ist es beim Pop-Up geblieben. An den grandiosen Abenden dort war es allerdings immer voll. Ich trauere heute noch :)

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