Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

L.A. Jordan – ohne Hommage

Ich falle mal gleich mit der Tür ins Haus. Das Essen im L.A. Jordan ist so gut, dass ich am nächsten Abend, nach einem vernachlässigbaren Essen im Sushi B., einfach noch mal für ein paar Gänge einkehre. Und jetzt gleich noch ein Knaller: das Essen im L.A. Jordan ist so gut, weil eines der besten Restaurants der Welt ganz unverblümt als Blaupause dient.

Dem durchschnittlichen Gast dürften die Parallelen beim Lesen des Speisekartenaushangs kaum auffallen. Dafür muss man schließlich auch mal die New Yorker Vorlage besucht haben. Doch allein die Hauptzutaten ‒ Kaviar, Kinmedai, Kaisergranat, Miyazaki-Rind, Wachtel ‒ sprechen in ihrer Verwendung, Reihenfolge und Kombination unmissverständlich die Sprache von César Ramirez, dem mexikanischen Kochgenie aus dem Chef’s Table at Brooklyn Fare. Dass das alles auch noch auf demselben Hering-Geschirr serviert wird und viele Gänge genauso aussehen wie das Original, muss man mindestens als ungeniert bezeichnen.

Bis auf die frappierende Ähnlichkeit der Speisekarte ist mir das alles aber noch nicht bekannt als ich heute Abend Platz nehme. Auf der weitläufigen Terrasse des Restaurants, das zum sehr empfehlenswerten Boutique-Hotel Ketschauer Hof gehört, kann man an diesem lauen Sommerabend erst einmal nur gute Laune bekommen. Ein Chassagne-Montrachet von der Domaine Marc Morey (€ 105) tut sein Übriges.

Nach einem ersten Snack (leider ohne Foto, es fängt gut an) bestehend aus einem spritzig frischen Röllchen aus hauchdünner Apfelscheibe, die sich um eine leicht pikante Füllung mit Ingwer und Koriander schmiegt (7,5) gibt es als zweite Einstimmung eine Tartelette mit Edamame, Yuzu-Mayonnaise, Aal und Shisoblüten. Die knusprige Petitesse verbindet den frischen Geschmack von Erbsen mit etwas Rauch, dezenter Säure und dem bittersüßen Geschmack der Blüten. Geschmacklich und handwerklich äußerst gelungen und bereits auffällig dem Auftakt bei Ramirez folgend, der seine Menüs immer mit solchen Tartelettes eröffnet (siehe hier und hier), häufig ebenfalls mit Shisoblüten getoppt (7,9).

Die nächsten Speisen halten den Ball in Richtung New York aber zunächst flacher. Schlechter wird es dadurch nicht. Eine Nocke keck gewürzten Kalbstartars findet man folgend in einem aufgeschäumten Sud, in den ein sehr feines thailändisches Geschmacksbild eingearbeitet wurde. Das ist frisch, kühl, leicht pikant und ätherisch ‒ und angenehm kontrastiert durch einen federleichten, knusprigen Jakobsmuschel-Chip. — 8

Der erste Gang des achtgängigen Menüs (€ 190) thematisiert Balfego-Thunfisch. Es gibt ein Sashimi aus dem Rücken, darunter etwas vom leicht gegarten Bauch. Das qualitativ hervorragende Thunfisch-Ensemble ist auf einer Sauce mit Arganöl, schwarzem Trüffel und Holunderblüten angerichtet, die mit ihrem überraschend floralen Aroma alle Komponenten elegant einrahmt. Ein Dashi-Gelee und Auberginencreme sind weitere stimmige Mitspieler. Säure, Schmelz, Umami ‒ das ist schlicht hervorragend. — 8

Im Glas ist inzwischen ein 2016er Macon-Verzé von der Domaine Leflaive (fair bepreist mit € 65 für die Flasche). Der Burgunder passt auch gut zum nächsten Gang. In einem tiefen Becher vermählen sich ein Kartoffelschaum und -püree, geröstete Zwiebeln, Rinderfett und eine großzügige Nocke Kaviar (N25 Almas Kaluga Selection DS) zu einem süffigen Ensemble, das vor allem von der Spannung zwischen der bodenständigen, süßen Zwiebel und dem luxuriösen, nussig-jodigen Kaviar lebt (8). In New York serviert Ramirez im selben Hering-Geschirr an ähnlicher Stelle des Menüs regelmäßig vergleichbare Speisen, bei denen vorzüglicher Kaviar einen prägnanten Akzent setzt.

L.A. Jordan

Chef’s Table at Brooklyn Fare

Danach geht es, auch hier, weiter mit Kinmedai. Der in Deutschland kaum bekannte ‒ und schwer beziehbare ‒ Fisch mit der heimischen Bezeichnung Glänzender Schleimkopf ist in Form eines Filetstücks in einer Sake-Beurre-blanc mit Bergamotte-Öl angerichtet. Von irgendwoher schmeckt es auch einen Hauch nach Kokos. Die säurebetonte Sauce passt exzellent zum saftigen Fisch, dessen von Haus aus eher feste Textur hier gut zum Ausdruck kommt. Den Fisch ziert noch ein knusprig-säuerliches Topping mit Fischschuppen, Grapefruit und Kapern. Das ist ohne Umschweife ein weiteres hervorragendes Gericht mit wunderbarer Hauptzutat (8). Wenn César Ramirez seinen noch am selben Tag aus Japan eingeflogenen Kinmedai über Binchotan-Kohle grillt und lediglich mit etwas Rettich und einem Zweig Szechuanpfeffer belegt (rechts im Bild), geht das noch mehr unter die Haut.

L.A. Jordan

Chef’s Table at Brooklyn Fare

Bei meinem letzten Essen bei Ramirez folgte auf Kinmedai Kaisergranat. So auch hier. Die Kopie aus Deidesheim ist optisch nicht vom Ramirez’ Version (rechts im Bild) zu unterscheiden. Das erfreuliche an dieser kleinen Dreistigkeit ist, dass sich Daniel Schimkowitsch auch die ambitionierte Produktbeschaffung aus New York abgeguckt hat. Der Kaisergranat von den Färöern ist phänomenal, gleichberechtigt mit Qualitäten wie man sie eben bei Ramirez oder im Frantzén erlebt. Schade, dass Schimkowitsch dann nicht konsequenterweise auch den Sack zumacht. Denn wenngleich die hier eingesetzte Kohlrabivelouté den bei Ramirez für diesen Gang gern verwendeten Gemüsen Blumenkohl oder Rübchen sehr ähnlich ist, verzerren Kokosmilch und Stachelbeervinaigrette das Geschmacksbild in eine deutlich zu plakative „Thai-Richtung“. Die fulminante Hauptzutat verliert damit an Präsenz, bleibt aber dennoch im Gedächtnis. — 7

Es geht weiter mit Seeteufel (aus Noirmoutier). Der Fisch, der mir zuletzt im Frantzén auf vergleichbar großartigem Qualitätsniveau begegnet ist (und auch dort zuletzt in einer dichten brauen Sauce angerichtet war), wurde hier über Holzkohle gegrillt und ist mit einer Scheibe gebratener Foie Gras bedeckt. Eine Sauce aus Kombualgen begleitet das Surf ’n’ Turf, was dem Gericht eine komplexe Umami-Tiefe verleiht. Die Dekoration mit Selleriefäden und dem bereits vermissten Szechuanpfeffer-Blatt nickt dann abermals über den Teich. Unabhängig von den offenkundigen Inspirationen ist das ein Weltklassegang. — 9

Es bleibt so. Miyazaki-Rind, regelmäßig auch in Hauptgängen des New Yorker Kollegen vertreten, präsentiert die Küche hier aber in erkennbarer Eigenregie. Zum buttrig zarten, japanischen Fleisch gibt es ein herzhaftes Potpourri aus kleingehacktem Onglet, Kalbszunge und Graupen, was zusammen mit dem Fleisch und einem exzellenten, stark reduzierten Rotweinjus opulent und luxuriös schmeckt. Als frischer Gegenpol sorgen ein kleiner Kräutersalat, der traumhaft mit den anisähnlichen Aromen von Kerbel spielt, ein kleines Stück Artischockenherz mit überraschend intensivem Geschmack sowie eine pikante grüne „Salsa“. Das großartige Gericht ist in Summe deutlich klassischer in seiner Zusammenstellung, vermutlich ein Hinweis auf die eigentliche Handschrift des Küchenchefs, die sich vor nichts verstecken muss. Im Gegenteil, ich bestelle noch etwas nach! — 9

Die eigenen Ideen weichen danach wieder der Vorlage aus New York. Es gibt Wachtel mit Trüffeln, dazu eine Sauce Roiayru, eine asiatisch inspirierte Variante einer Sauce Royale, auf der Basis von Wachtelkarkassen, Kalbsfond, Kombu und Wachtelleber. Spanischer Iberico-Schinken und karamellisierter Chicorée verstecken sich auch noch unter den australischen Trüffeln. Das Gericht ist „dicht“ und würzig, „klebrig“, zart und saftig, die Wachtel von feinster Qualität und präzise gegart. Ich bin in diesem Moment richtig glücklich, New York auf dem Teller zu haben. Der Hudson River war in diesen Zeiten noch nie so nah wie heute Abend. — 9

Zu Rind und Wachtel passte ein 2015er Gevrey-Chambertin von Olivier Bernstein, ein rarer Fund für € 120. Als der Burgunder zur Neige geht, serviert die Küche noch etwas Offenes zum Dessert. Ein 1942er „Forster Jesuitengarten“ des Haus-Weinguts Bassermann-Jordan ist grandios, so begeistert mich auch Riesling.

Die Patisserie arbeitet eigenständiger ‒ und kein bisschen schlechter. Ein erstes Pré-Dessert mit Aprikoseneis, Kokosnussschaum und Basilikumgranité schmeckt nach dem unbeschwertesten aller Sommer (9), eine zweite Kreation mit Sake-Trester-Creme, Walderdbeeren (als Eis), Shiso und Schalotten (!) verschlägt mir mit einer märchenhaften Aromenkomposition zwischen Fruchtsüße und fernöstlichem Zauber regelrecht die Sprache (10).

Das Hauptdessert, eine gebackene Feige mit flüssigem Schokoladenkern, dazu ein Buchweizen-Mohn-Eis, entlockt einem weitere „Mmmh“-Laute. Die anspruchsvolle Bitterkeit von Schokolade und die ausgesprochen aromatische Feige sind himmlisch (9).

Auch die Pralinen, unter anderem exzellente Pistazienmacarons, sehr geschmacksintensive Pralinen mit Miso-Karamell und fluffig weiche Windbeutel mit Yuzu könnten auch in einem Drei-Sterne-Restaurant den Abschluss bilden (9).

Apropos drei Sterne. Das Talent von Daniel Schimkowitsch dürfte unstrittig sein. Es reicht schließlich nicht aus, César Ramirez’ Gerichte als Vorlage zu wählen. Man muss das auch umsetzen können. Die Kopie eines Gerichts von Ramirez steht und fällt mit der Güte der Zutaten. Wenngleich man in Deutschland viele Gäste mit deutlich minderwertigerer Ware beeindrucken könnte, eifert Schimkowitsch seinem New Yorker Kollegen nach und beschafft Produkte, die man hierzulande selbst in Drei-Sterne-Restaurants selten erleben kann.

Wer aber, und das muss angesprochen werden, sich nicht bloß inspirieren lässt, sondern fast ein ganzes Menü kopiert, inklusive des Geschirrs, ohne den Urheber zu kennzeichnen, muss sich mindestens die Frage gefallen lassen, ob das besonders kollegial ist. Auch die Frage, in welche Richtung sich die Küche hier weiterentwickeln wird, wenn man mal nicht nach New York fliegen kann, ist sicherlich eine spannende.

Das Schöne an der Sache ist, dass das alles nicht auf Kosten des Gasts geht. Bei den hier gebotenen Qualitäten macht man seinen Gästen zweifellos eine große kulinarische Freude. Nur für diejenigen, die Ramirez’ Küche kennen, dürfte den Genuss im L.A. Jordan ein Hautgout begleiten. Er ist aber nicht streng genug, um morgen nicht gleich noch mal vorbeizuschauen. Auf etwas Miyazaki-Rind. Oder Wachtel. Oder beides.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: L.A. Jordan (→ Website)
Chef de Cuisine: Daniel Schimkowitsch
Ort: Deidesheim, Deutschland
Datum dieses Besuchs: 07.08.2020
Guide Michelin (D 2020): *
Meine Bewertung dieses Essens (?): 8,5 (Was bedeutet das?)
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15 Antworten zu “L.A. Jordan – ohne Hommage”

  1. Christian

    Verstehe ich es richtig, ein Jahrgang 1942 glasweise im Ausschank?

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  2. Tim

    Ich musste schmunzeln ;-)
    Eigentlich ist die „Idee“ naheliegend und irgendwie fast charmant: Wer keine 300,-€ (+ Flug, Hotel, Taxi usw.) für das Original ausgeben will (oder kann!) bekommt eine („etwas“ schlechtere) Kopie für viel weniger Geld und Aufwand. Wäre ein lokales (gutes) Restaurant, dass monatlich wechselnd, eine (gute) Kopie von „Sushi Saito“, dem „Epicure“, „Noma“ usw. offeriert nicht insgeheim der Traum eines jeden „Essbegeisteren“ ?
    Unabhängig davon: Kopieren nicht alle Köche irgendwie andere Köche ? Hier eine Idee, da die Anrichtung, dort ein ganzes Rezept.
    Wären Ihnen denn die parallelen aufgefallen, wenn er die einzelnen Gänge anders (Anrichtung, Geschirr, leichte Abwandlungen usw.) präsentiert hätte ?
    Ich für meinen Teil, hatte schon öfters den „irgendwie kommt mir das bekannt vo“ Gedanken im Kopf.
    In meinen Augen ist das Ganze eher ein „Guckt, ich bin es nicht aber kann es fast genauso gut“ Statement. Leider ohne Verweis auf die Referenz.

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    • Philipp

      Die Essbegeisterten können ja ins Hangar 7 nach Salzburg, da wird der jeweilige Gastkoch ganz offen benannt.

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      • M. Veit

        Werter Tim,
        der Gedanke von Leser Philip war auch mein erster Reflex.
        Kopierte Teller ohne Hommage trifft man bei v.a. jungen Köchen immer mal wieder. Das Lakeside hieß familienintern schon „Ikarus an der Elbe„, wenngleich die Qualität Martin Kleins und dessen Équipe im Fontenay nie erreicht wurde.

        Sonnige Grüße aus der Pfalz!

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        • Tim

          Was mich mal interessieren würde:
          Die eine oder andere „Nachahmung“ und „Interpretation“ gibt es bestimmt, aber werden auch absolute „Signature Dishes“ wie z.B. die „Macaronis farcis“ von Eric Frechon oder die „Cheddar Kekse“ von Daniel Humm kopiert, oder ist das dann doch zu viel des Guten ?
          Snacks wie die Tartlette gibt es übrigens in vielen Restaurants – zumindest hatten wir schon mehrfach das Vergnügen obwohl wir eher selten „besternte“ Gastronomie besuchen.
          Wahrscheinlich ist dieser „Snack“ auch sehr dankbar für die Küche und Köche: Mit relativ wenig Aufwand lässt sich ein außergewöhnlicher Happen zaubern.
          Letztendlich besuchen viele (oder zumindest meine bessere Hälfte und ich :-) die verschiedenen Restaurants ja nicht nur wegen der Küche, sondern auch wegen dem Interieur, dem Service und der Lage/Location. Würde man überall das gleiche bekommen, wäre so ein Besuch natürlich viel reizloser.

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        • Pascal

          Gerade den Bericht gelesen, spannende Sache die in der Pfalz passiert – ich erinnere gerne an den damals noch jungen Christian Jürgens, der im Restaurant Marstall in München nicht wenige seiner Gerichte von ‚größeren‘ Kollegen „kopiert“ hatte & die Gästeschar es dankbar aufgenommen hat, nicht z.B. raus nach Aschau i. Ch. fahren zu müssen (gab‘ ja noch kein Instagram/diesen übrigens sehr empfehlenswerten Blog als Inspirationsquelle ;-)

          So abgedroschen es klingen mag: Eckart Witzigmann prägte die Weisheit „das Produkt ist der Star“ und wie man hier lesen kann, nutzt der Küchenchef die Möglichkeiten seiner Zeit, um seinen Gästen bestmögliche Qualität zu präsentieren – was mehr kann man in dieser Tradition der Bocus’schen „Produktküche“ noch erwarten und warum sollte man dem Küchenchef den berühmten „Blick über den Tellerrand hinaus“ vorwerfen?
          Ich gebe gerne gleich die Antwort selbst: weniger reden, manchmal mehr (selber) machen und sind wir in Wahrheit nicht alle, die zunächst nach Rezepten von großartigen Köchen kochen kleine ‚Kopisten‘, bis wir ‚unseren eigenen Touch‘ dazu geben? 😉
          Vor diesem Hintergrund: Chapeau, dass die Deidesheimer eine so großartige Küche (unter dem 2*-Radar des Karlsruher Reifenherstellers) genießen können, welche auch den wahrlich weitgereisten Blogger Julien derart begeistern.

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  3. Franz

    Vielen Dank für einen erneut super Bericht. Interessant, dass ein Restaurant in Amerika hier als Vorlage für ein Restaurant in Deutschland dient. In meiner Erfahrung ist es meist umgekehrt. Einzige Kritik, welche ich mir erlaube als ehemaliger New Yorker, Brooklyn liegt nicht am Hudson River. Das ist der East River!

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    • Julien Walther (Trois Etoiles)

      Das Chef’s Table at Brooklyn Fare befindet sich längst in Manhattan, nahe Hudson Yards. Ich hatte den Fluss allerdings auch nur als Synonym für New York genannt.

      Welche deutschen Restaurants dienen Ihrer Meinung nach in den USA als Vorbild? Ich glaube kaum, dass da viele in Frage kommen.

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      • Mauro Sini

        „Welche deutschen Restaurants dienen Ihrer Meinung nach in den USA als Vorbild?“
        Da schiesst mir sofort Oktoberfest durch den Kopf. 😊

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  4. Edi

    als Dani noch im Münchner „Tramin“ kochte … war das noch eine „andere Welt“ … trotz erstem Stern … wenn ich das heute lese, kommt mir der Gedanke, ob ich das als Chefin gerne lesen würde, sofern mir das mit dem „kopieren“ nicht schon bewusst war … natürlich muss man „kopieren“ auf diesem Niveau beherrschen … aber vielleicht ist das auch der Grund, warum Daniel bis jetzt ein weiterer Stern versagt blieb … Hochstapler? … Kopierer? … es wäre schade um ihn … und ein wenig Enttäuschung darf jetzt erlaubt sein …

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    • Mauro Sini

      «Kopieren» wird immer wieder als «Taboo» und «Schandtat» betrachtet.
      Ich denke, dass nur durch kopieren kann man neues lernen, sich weiterentwickeln, an Grenzen stoßen und darüber hinaus gehen. Gutes zu kopieren ist nicht schlecht, eher notwendig, um neues zu lernen. Das Problem ist, dass viele schlechtes kopieren, oder einige sich fälschlicherweise als «Urheber» ausgeben. Hier ist keines von beides der Fall.

      Alle kopieren. Und, warum nicht sein Weg durch den Lernprozess die Gäste zu präsentieren. Wir kopieren Alfredo di Lelio (Rom, Italien) NICHT, wenn Tagliatelle Alfredo servieren, wir servieren nur eine bekannte Zubereitung. Ich war der erste der „Ceviche de Camarones“ im Rom, Mitte der 1980er, serviert hat und viele haben mich für ein Spinner gehalten. Ich hatte aber nur das gemacht was ich vorher in Lateinamerika gesehen hatte, und kopiert.
      Kopiert Juan Amador Ferran Adrià? Nein. Am Anfang hat klar kopiert, um zu lernen, um zu verstehen, aber dann hat sich weiterentwickelt.

      In meine Arbeit, als Informatiker seit über 30 Jahre, jüngere Kollegen haben mir schon mal gefragt: Was muss man tun, um etwas Neues zu kreieren? Wie entwickelt man etwas was noch nicht existiert?
      Meine Antwort ist: Es gibt nichts neues. Alles ist schon da. Nur, man hat es noch nicht gesehen. Neu ist nur der Art und Weise wie man die Dinge sieht, wie man diese anders einordnet oder betrachtet. Das nennt man Vision. Die Vorstellung Elemente, Komponenten, anders zu behandeln, trennen oder zusammenzustellen. Dafür müssen manchmal Dinge die wie bereits kennen, die wir kopiert haben, auseinandergenommen werden. Vielleicht andere Techniken ausprobieren, Fehler machen, immer wieder, bis man etwas Neues «verstanden» hat.
      Dafür hilft Abstraktion, d.h. die Basis aufbauen, um zu verstehen, und dafür müssen erst die Hauptkomponenten identifiziert werden. Die Bausteine, die Methoden. Die Grundlage. Und wenn ich von Kochen spreche, dann spreche ich nicht nur von Zutaten und dessen Qualitäten oder Garmethoden, aber auch von Arbeitsschritten, Zeiten, Phasen, Techniken, bio- und physikalisch-chemische Prozesse, Temperaturen, Höhe, Luftfeuchtigkeit. Der Mensch und seine Sinne, Bedürfnisse, Kultur, Gesundheit, Ernährung, Medizin, Anatomie, Biologie, Zoologie, Botanik, Chemie, Physik, Geografie und Meteorologie.

      Ernährung und seine große Vertreterin Gastronomie sind sehr komplex, und deswegen sind manchmal die einfachsten Dinge das Beste. Kopieren ist kein schlechter Weg. Nur es wäre immer angebracht der Urheber zu nennen (wie Herr Walther auch erwähnt) damit alle anderen diese Referenz im Auge behalten können, und die Möglichkeit zu kopieren, und lernen, auch bekämen. Ist doch fair.

      Die Welt ist nicht anders als ein riesiger Kasten mit Legobausteine, und wartet nur gebastelt zu werden. Lassen wir einfach Daniel Schimkowitsch weiter basteln, sich weiterentwickeln, und dabei Freude bereiten. Es ist doch schön was er macht.

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  5. Philipp

    Man kann ja z.B. bei Restaurant-Ranglisten in den Forumsbeiträgen sehen wie das Menü sonst aussieht / aussah und da sind die Parallelen zu Chefs Table bei weitem nicht so auffällig wie bei Ihnen (und die Parallelen bei Ihnen hier sind überdeutlich, da stimme ich Ihnen zu).

    Manchmal frage ich mich ob ein Restaurant sich im Voraus nicht manchmal auf Sie als Person einstellt und bewusst ein Menü kreiert was Ihnen mutmaßlich besser gefallen würde. Mehr Kaisergranat in pur und weniger Quetschflaschen-Kreationen. Bei der berühmten Torte im Sonnora, die dann bei Ihnen einfach mal so eingeschoben wird, habe ich mich das auch schon gefragt.

    Trotzdem, das muss das Restaurant ja dann aber auch erstmal so umsetzen können.

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    • Julien Walther (Trois Etoiles)

      Tatsächlich veröffentlichte der Küchenchef schon auf seinem Instagram-Account vor vielen Monaten diese Gerichte ‒ nach einem kurz vorher ebenfalls publik gemachten Besuch im Chef’s Table at Brooklyn Fare. Der Besuch war offenkundig eine (verständliche) Zäsur, der nun die Küche hier prägt. Solche Zutaten beschafft man auch nicht mal eben so, dahinter steckt ja auch ein aufwändiges Zulieferer-Netzwerk.

      (Dass ein Restaurant seinen kompletten Küchenstil wegen eines Gasts anpasst, ist kaum plausibel. Dass irgendwo vielleicht mal mehr Kaviar drauf liegt oder ein Gang eingeschoben wird, das kann schon mal passieren. Dieses Menü hat jedoch ganz klar mit New York zu tun, und nicht mit mir ;))

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      • Philipp

        Es ist ja nicht „ein Gast“ sondern Sie sind immerhin jemand mit 40k Followern, der mutmaßlich 50-100 weitere Restaurantgänger animieren kann wenn etwas sehr gut gefällt oder etwas nicht so gefällt. Nicht jeder Ihrer Leser wird ja sofort beim Bericht Ihre Vorlieben kennen und davon abstrahieren können.

        PS: Die Vorgeschichte kannte ich nicht, dadurch klingt alles nochmal deutlich plausibler. Ich wage dazu mal zu behaupten, dass insbesondere durch Troisetoiles das Chefs Table at Brooklyn Fare im deutschsprachigen Raum bekannter geworden ist.

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    • Nick

      Das Problem ist: zumindest für die Leser dieses Blogs bildet der Bericht von nun an die Referenz. Ich für meinen Teil habe (unabhängig von diesem Bericht) eine Reservierung im LA Jordan im November, werde das ganze aber nun mit einem etwas anderen Blick angehen. Ob das gut oder schlecht ist – man wird sehen, aber die Erwartungshaltung – auch gegenüber meinem letzten Besuch vor knapp 2 Jahren – ist gerade ein ganzes Stück nach oben geklettert.

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