Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Eigentlich halte ich nicht viel von Großereignissen, aber die Kombination Thomas Bühner (La vie, Osnabrück) und Kevin Fehling („La Belle Epoque“, Travemünde) im Rahmen des „25. Schleswig-Holstein Gourmet-Festivals“ hatte es einem Freund und mir angetan. Gedacht, gebucht, finden wir uns – insgesamt zu dritt – am heutigen Sonntag im „Columbia Hotel Casino Travemünde“ ein, offen für jegliche positive Überraschung.

Um den Appetit bis zum Abend zu überbrücken, kehren wir zunächst ins Hotelrestaurant „Tafelfreuden“ ein, das uns jedoch alles andere als Freuden bereitet. Die Speisen sind banal und handwerklich schlecht ausgeführt. Mein Seeteufel ist so zäh, dass ich ihn mit dem Fischmesser kaum zerteilt bekomme und letztlich darauf verzichte. Großes Verständnis habe ich hierfür nicht, hat das Hotel schließlich einen Zwei-Sterne-Koch im Haus. Findet hier kein Austausch statt, oder beherrscht Herr Fehling sein Handwerk auch nicht richtig? Wohl kaum. In jedem Fall ein schlechtes Aushängeschild.

Die nächste Überraschung holt uns dann vor dem eigentlichen Abendessen heim: man soll an großen Tafeln mit Fremden an einem Tisch sitzen, wie in einem Robinson-Club. Was für die meisten der heute Anwesenden offenbar heitere Geselligkeit bedeutet, ist für uns der soziale Albtraum. Erzwungener Smalltalk an engen Plätzen statt Privatsphäre und Gemütlichkeit. Wir überlegen kurz, einen Tisch in der nicht weit entfernten „Orangerie“ aufzusuchen, entscheiden jedoch zugunsten der Vernunft (es ist eh zu spät und das Arrangement bereits bezahlt).

Natürlich könnte man uns vorhalten, dass wir uns im Voraus über den Ablauf hätten informieren können. Doch wir sahen hierfür keinen Anlass. Weder ein Hinweis in der Reservierungsbestätigung noch die Internetseite des Festivals ließen durchscheinen, dass man den Abend mit hundert hungrigen Möchtegern-Gourmets teilen muss, von denen zehn am selben Tisch sitzen und einer davon lieber sein bis zum Bauchnabel geöffnetes, breit gestreiftes Hemd in knalligen Farben und seine eingeschüchterte Blondine zur Schau stellt, von der er den ganzen Abend nicht die Finger lassen kann. Es wäre zumindest wünschenswert gewesen, hätte der Veranstalter im Voraus über den Rahmen informiert. Dann wäre ich nämlich zu Hause geblieben.

Das fünfgängige Menü von Deutschlands neuem Drei-Sterne-Koch Thomas Bühner ist indes in weiten Teilen sehr gut – trotz der immensen Herausforderung an die Küche, so viele gleiche Speisen zur selben Zeit zu servieren. Man muss sich dennoch sehr bemühen, das Drumherum auszublenden.

In kurzen Momenten schafft man das sogar. Dann offenbaren sich die vielschichtigen Kreationen Bühners, wie z. B. die Sauer marinierte Makrele mit Passionsfrucht und schwarzem Sesameis oder die (leider etwas trockenen) Büsumer Krabben mit Gurke, grünem Spargel, Lauch und „ein wenig Sandstrand“.

Ebenfalls unter der depressiven (und stickigen) Gala-Atmosphäre leidet die an sich heitere Langoustine mit Rauch / Grüne Tomate, Ricotta, Iberico-Speck und Bulgur sowie „Pur Taube“ [sic] mit Taubensaft, Sellerie, Heu und Pfifferlingen, die bei mir keine Taube ist, sondern auf meine Nachfrage durch Rind ersetzt wurde. Neidische Blicke muss ich ertragen, lässt der Gargrad des Vogels offenbar bei vielen zu wünschen übrig. Ich hatte es irgendwie geahnt.

Eine Beleidigung für die Gerichte ist jedoch der Großteil der begleitenden Weine, die bei einem 2009er Ripasso Valpolicella auf ihrem traurigen Tiefpunkt angekommen sind. Während Andere sich das Glas wieder auffüllen lassen, kann ich weder mir noch dem Gericht diesen unreifen, nichtigen Wein antun und bestelle eine ordentliche Flasche 2007er Recher Herrenberg von Jean Stodden – zur offensichtlichen Belustigung der vermutlich sonst auch gerne mal Prosecco trinkenden Tischnachbarn. Man muss sich manchmal eben zu helfen wissen.

Käsegang, Gorgonzola – Rote Bete – Pistazie, und Dessert, „Süßer Meteorit“ mit geeister Ziegenmilch, Passionsfrucht, Yuzucrème und Zitronenbaiser, sind dann ebenfalls noch sehr gut, doch der Drang, sich dem Trubel endlich zu entziehen, wird stärker.

Hier hat sicherlich jeder heute Abend sein Bestes gegeben – allen voran Herr Bühner und die Küche –, doch jede Party ist eben immer nur so gut wie ihre Gäste.

Die Erkenntnis des Abends: ich bleibe das nächste Mal lieber von einem „Gourmet-Festival“ fern und erfreue mich an den Schlemmereien großer Köche lieber, wenn diese Heimspiel haben und ich einen eigenen Tisch mit eigenen Gästen. Also eigentlich so wie immer.

2 Kommentare zu “Großer Bühner, kleine Bühne”

  1. duni

    ein albtraum! dennoch stellt sich fuer mich die frage: warum machen spitzenkoeche sowas, nehmen an events teil, wo sie ihre kueche nur ansatzweise unter unangemessenen rahmenbedingungen irgendwelchen partypeoples praesentieren koennen?

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    • Julien

      Eine gute Frage, der ich beizeiten mal nachgehen werde… Ich halte Sie auf dem Laufenden ;).

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