Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Vom Geschmack her so was von toll!“

Am Morgen danach – nach dem hervorragenden Abend im GästeHaus Klaus Erfort – sitze ich um halb zehn in meinem Mietwagen und programmiere das nächste Ziel meines Sechs-Sterne-Wochenendtrips ins Navigationssystem ein. Das Ziel heißt Seehotel Überfahrt und liegt in Rottach-Egern, einer pittoresken Ortschaft am Tegernsee, die so weit südlich liegt, dass München dort der hohe Norden ist.

In diesem Hotel der Althoff-Gruppe befindet sich das jüngste Drei-Sterne-Restaurant Deutschlands mit dem etwas sperrigen Namen Restaurant Überfahrt Christian Jürgens. Das Wort „Restaurant“ ist Teil des Restaurantnamens, sodass man eigentlich sagen muss, man geht im Restaurant Restaurant Überfahrt Christian Jürgens essen. Hier sagen aber alle einfach nur „die Überfahrt“. Mein Tisch in der Überfahrt ist um 19 Uhr. Für die knapp fünfhundert Kilometer habe ich also ausreichend Zeit.

In der Nähe von Rottach-Egern – 18.01.2014

Knapp fünf Stunden später fahre ich von der Autobahn ab auf eine neblige Landstraße. Nach einer Kurve lichtet sich der Nebel, und es tut sich eine eindrucksvolle Landschaft auf. Vor mir der Tegernsee, dahinter, am Horizont, die Vorläufer der Alpen. Diese Kulisse ist schon mal eine gute Einstimmung für meine Pläne am Abend.

Tegernsee – 18.01.2014

Das Seehotel Überfahrt ist protzig-luxuriös und spießig. Eleganz und Stil sucht man vergebens, stattdessen goldene Badarmaturen, roter Marmor und ein Juweliergeschäft in der weitläufigen Lobby, in der man allerdings sehr angenehm zum Aperitif sitzt, mit Blick auf die Berge. Versalzen wird einem das Ganze durch völlig absurde Getränkepreise, wie z. B. € 25,50 für ein Glas Ruinart Rosé. Ein Glas! Die fünfzig Cent stören mich dabei eigentlich noch mehr als die fünfundzwanzig Euro. Aber natürlich hätte ich Narr vor meiner Bestellung auch einfach mal einen Blick in die Karte werfen können. Wir sind hier schließlich in … (wo bin ich noch mal?) … ach ja, Rottach-Egern.

Glücklicherweise ist es jetzt auch schon kurz vor 19 Uhr, womit ich mich endlich auf den kurzen Weg in die Überfahrt machen kann.

Das komplett in Erdtönen gestaltete Restaurant empfängt mich mit einer Aura von Ruhe und Gemütlichkeit. Keine Spur mehr von dem in die Jahre gekommenen Prunk des Hotels.

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – 18.01.2014

Bei einem Glas Bollinger (von dem ich in diesem Moment zum Glück nicht weiß, dass es später mit € 38 auf der Rechnung stehen wird) widme ich mich der Speisekarte, die in einem Stoffetui gereicht wird. Zwei Menüs sind darin zu finden (ca. € 200). Alle Gerichte sind, ganz zeitgemäß, auch à la carte bestellbar und können flexibel kombiniert werden. Ich brauche eine Weile, um mich zu entscheiden, möchte schließlich nichts verpassen.

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Apfel-Meerrettichcreme mit gepuffter Quinoa – 18.01.2014

Nach einiger Zeit steht meine (vorläufige) Auswahl, und ich wende mich erst einmal einem kleinen Dip zum Aperitif zu. Es handelt sich um eine Apfel-Meerrettichcreme mit gepuffter Quinoa und ist sehr schmackhaft.

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Weinkarte – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Weinkarte – 18.01.2014

Doch viel fesselnder finde ich in diesem Moment die Weinkarte, die mir gerade von Sommelière Stefanie Hehn (ehem. Jacobs Restaurant) gereicht wurde. Sie kommt in Form eines kleinen Büchleins daher und ist die schönste Weinkarte, die ich je in den Händen hielt – gerade auch, weil einige Positionen dort handschriftlich korrigiert und ergänzt worden sind. Die Leidenschaft spricht hier Bände. Und siehe da, auch das Preis-Leistungs-Verhältnis ist hier zumindest wieder marktüblich.

Meine Wahl fällt auf einen glasweisen weißen Burgunder zu den ersten Speisen (sehr gut: 2005 Domaine Emilian Gillet „Quintaine“, Viré-Clessé, € 16) sowie im Anschluss einen 2007 Chat Sauvage Pinot Noir „Rüdesheimer Drachenstein“ (€ 110) aus dem Rheingau, der schon mal neben mir in einer Karaffe atmen darf. „Zwei Pils“ bestellt der Nachbartisch zu meiner Rechten.

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Auster, Kaviar, Lauch – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Imperial-Kaviar aus Israel, Crème fraîche, rote Bete, Perlzwiebeln – 18.01.2014

Und dann geht es endlich los, das Essen. Als Amuse-Bouche wird eine pochierte Auster mit Kaviar und Lauch serviert, dazu ein Döschen mit ebenfalls Imperial-Kaviar aus Israel sowie Crème fraîche, rote Bete und Perlzwiebeln. Alles zum Augenschließen gut!

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Schinkenbrot – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Schinkenbrot – 18.01.2014

Als weiteres Amuse folgt ein zunächst etwas geheimnisvolles Gebilde. Es entpuppt sich als Schinkenbrot, mit „Jahrgangsschinken“ und Trüffelschaum. Das Brot ist warm, saftig, salzig, trüfflig, süffig, herzhaft, knusprig, wohlschmeckend und betörend. Vor allem aber ist es herrlich bodenständig. Es scheint mir fast als würde Christian Jürgens mit diesem frivolen Snack das ganze (wenngleich exzellente) Getue um Kaviar, Austern und Champagner mit einer schwungvollen Armbewegung vom Tisch fegen und dabei sagen wollen: „Ist ja alles schön und gut – kann ich auch –, aber das hier, das ist lecker, oder nicht?“.

Völlig beschwingt von der Idee, Jürgens könnte die ganze Zeit so weitermachen, fiebere ich dem ersten Gang meines selbst zusammengestellten Menüs entgegen: Haralds Garten mit roter Bete, Gewürzjoghurt und Rettich.

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Haralds Garten – 18.01.2014

Das Gericht ist cremig und angenehm erdig; ab und zu sorgt ein zitronig-frisches Kraut (Melisse?) für eine angenehme Frische zwischendurch. Nicht so grandios wie ein einigermaßen ähnlich konzipierter Gemüsesalat aus dem Quay vor ein paar Jahren, aber hervorragend.

Und dann macht Jürgens tatsächlich so weiter wie erhofft. Eine Köstlichkeit jagt die nächste.

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Blaukraut – 18.01.2014

Da wäre zum Beispiel das Blaukraut mit mariniertem Rotkohl, gebeiztem und gegrillten Saibling, Meerrettich, Lauch, Senfcreme und Sojamarinade. Das sieht nicht nur schön aus, sondern ist aromatisch eine wundervolle Fortsetzung der bisherigen Geschmackswelt, die sich mit einer Art „rauchigen Tiefe“ beschreiben lässt und einfach herrlich schmackhaft ist. Im Prinzip schmeckt sogar dieses Gericht ein bisschen wie das Schinkenbrot – anders natürlich, aber aus einem Guss.


Als liefe ich auf einem „Geschmackspfad“ entlang, fügt sich auch der nächste Gang nahtlos in die Speisefolge ein. Der Zander („Chiemsee-König“) mit Blumenkohl und Kapern-Rosinensauce hört sich nicht nur gut an (im wahrsten Sinn dank der knusprigen Haut), sondern schmeckt einfach nur zum Weglöffeln gut. Besonders gelungen ist hier auch eine leichte Säure, die durch die Kapern und, glaube ich, noch etwas Zitrusartiges ins Spiel gebracht ist. Exzellent!

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – 2007 Chat Sauvage Pinot Noir „Rüdesheimer Drachenstein“ – 18.01.2014

Absolut zutreffend auch der Hinweis von Sommelière Stefanie Hehn, dass der von mir gewählte Rotwein bereits sehr gut zu den ersten Gängen im Menü passen würde. Die Tiefe der Gerichte passt kongenial zum (ganz ausgezeichneten) Spätburgunder. Ich nehme einen großzügigen Schluck, versacke etwas auf meiner Sitzbank und denke: genau das alles wünscht man sich von einem durchweg gelungenen Restaurantbesuch!

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Kartoffelkiste“ – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Kartoffelkiste“ – 18.01.2014

Auf den (ersten) Gipfel des Wohlgeschmacks treibt es Jürgens dann mit der „Kartoffelkiste“. Die bewährte Kombination Kartoffel/Ei/Salz/Trüffel wurde hier derart süffig umgesetzt, dass man sich fragt, warum die Evolution dafür gesorgt hat, dass ausgerechnet bei der Aufnahme einer solch dekadent schmackhaften Kreation körpereigene Glückshormone ausgeschüttet werden. Irgendeinen evolutionären Vorteil muss es demnach haben, so etwas zu genießen.

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Consommé – 18.01.2014

Als „Einstimmung zum Hauptgang“ folgt eine Consommé mit pochiertem Wachtelei, Rinderfilet, Ochsenmark und Gemüsen. Der Becher, in dem das delikate Elixier serviert wird, ist mit einer Paste aus Morcheln und Steinpilzen ausgestrichen. Auch diese zwei, drei Löffel sind mehr als hervorragend! Irgendwo muss ja auch ein großer Topf damit herumstehen …

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Ochsenschlepp“ – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Ochsenschlepp“ – 18.01.2014

Doch bevor ich an meinen Plan, mich in die Küche zu schleichen, weiter feilen kann, gelangt das „Ochsenschlepp“ genannte Gerichte an den Tisch. Es handelt sich um Ochsenschwanz (geschmort), Topinambur und Tofu. Auch hier wieder diese süffige Geschmackstiefe, eine wunderbare Sauce, hervorragendes Handwerk und beste Produktqualitäten. Dem Tofu kann ich allerdings auch mit größter Offenheit nichts abgewinnen – eine etwas seltsame Wahl in diesem ansonsten ganz hervorragenden Teller!

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Smashed Apple“ – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Smashed Apple“ – 18.01.2014

Das Dessert, „Smashed Apple“, mit Apfel, Milchschaum, Karamell und Cassis entlockt mir – ob der seltsamen Präsentation – zunächst einen skeptischen Blick. Doch nach einiger Dekonstruktion und der ersten Kostprobe dieses süßen Allerleis schwelge ich bereits im Desserthimmel. Kein Gemüse, keine Röllchen, keine Kräuter, sondern ein zutiefst den Wunsch nach etwas Süßem befriedigendes Dessert mit knusprigen, cremigen, fruchtigen und süßen Komponenten. Ein Traum!

Kaum zu glauben, dass es erst kurz vor zehn ist – meine frühe Reservierung sei Dank. Es bleibt also genug Zeit, noch ein paar Gänge dranzuhängen!

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Mont Noir“ – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Mont Noir“ – 18.01.2014

Zum Beispiel den süffigen Trüffelgang aus dem anderen Menü: „Mont Noir“ mit Périgordtrüffel, Schwarzwurzel und einem Wachtelei. Völlig ungläubig warte ich auf ein einziges Gericht, das nicht ganz und gar hervorragend ist.

Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – Borschtsch mit Leberzwieble – 18.01.2014 Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Blattschuss“ – 18.01.2014

Doch ich warte, zum Glück, vergebens. Borschtsch mit Leberzwieble ist genauso exzellent wie der meisterhafte Rehrücken („Blattschuss“) mit Gemüse, Zuckerwurz und einer beispiellosen Rouennaiser Sauce.

Damit geht ein Menü zu Ende, das mich zutiefst beeindruckt und regelrecht glücklich gemacht hat. Völlig abgesehen von den selbstverständlich hervorragenden Produkten und dem makellosen Küchenhandwerk, zog sich wie ein roter Faden eine herzhafte/süffige/tiefe Geschmackswelt durch das gesamte Menü, die nicht nur ganz hervorragend zu den winterlichen Temperaturen passt, sondern so durchgängig köstlich war, dass – während ich hier noch um die richtige Wortwahl ringe – der Nachbartisch das Ganze ziemlich treffend zusammenfasst: „Das war vom Geschmack her so was von toll!“.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Restaurant Überfahrt Christian Jürgens (→ Website)
Chef de Cuisine: Christian Jürgens
Ort: Rottach-Egern, Deutschland
Datum dieses Besuchs: 18.01.2014
Guide Michelin (D 2014): ***
Meine Bewertung dieses Essens (?): 9

7 Antworten zu “Restaurant Überfahrt Christian Jürgens – „Vom Geschmack her so was von toll!“”

  1. Sylvia Schliep

    Es ist einfach großartig, nach dem Essen vor zwei Tagen in der ‚Überfahrt‘ aufgrund Ihres Essens-Essays noch einmal den Abend nachzuerleben! Zwei Jahre nach Ihrem Besuch haben wir es ähnlich-gleich erlebt, schwelgend zwischen himmlisch-irdischen Genüssen, aus jeder Uhrzeit herausgefallen, vor der Überraschung, nach der Überraschung dem nächsten Gang entspannt-gespannt entgegen schauend! So kreativ, lebendig haben wir ‚Küche‘ (welch‘ prosaisches Wort!) noch nicht erlebt , erfahren! Ess-Poesie, keine kitschigen Schnörkel, Natur-Stilleben, Genuss, der sich der Sprach efast entzieht! Der Abend kann süchtig machen! –
    Wir haben übrigens vor dem Besuch dort nichts ‚geguckt‘, nur unsere Lektüre der freitäglichen SZ hat uns langsam-schnell überzeugt: Da müssen wir hin!

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  2. Mashal

    Ich kann nicht mehr :-)
    Ich bin auf ihren Blog gestossen, weil ich in einigen Wochen nach New York fliege und dort (u.a.) „eines der besten Steaks der Welt“ (lt. Funk & Fernsehen) bei Peter Luger kosten wollte. Google präsentiert Ihren Bericht doch recht weit oben und voila:
    Ich lese jetzt hier schon seit mehr als 2,5 Stunden und ich weiß inzwischen, dass ich versuchen werde, einen Mittagstisch im „Le Barnadin“ zu bekommen und das ich das Steak bei P L (wenn möglich) ohne Beilagen bestellen werde. Danke für die Hinweise !
    Aber wenn ich dann z.B. „Das Dessert … entlockt mir – ob der seltsamen Präsentation – zunächst einen skeptischen Blick. Doch nach einiger Dekonstruktion … schwelge ich bereits im Desserthimmel.“ lese bin schon am zweifeln, ob die Sterneküche wirklich für Jedermann (sofern man es sich leisten kann) etwas ist. Man mag sich gar nicht ausmalen, was man wohl schmecken würde, wenn man das Dessert „nach falscher Dekonstruktion“ einfach so essen würde ;-) . 25,-€ für die Katz ?
    Ich freue mich das , dass Sie „Es“ haben und und uns mit auf die Reise nehmen, aber mehr als einmal konnte ich dem „Spektakel“ nichts abgewinnen und dachte:“Toll, aber die Pasta bei Giorgio in Sasel scheint verlockender“.
    Danke für die letzten Stunden: Habe gestaunt unt teilweise Tränen gelacht.

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  3. Harald

    Wunderbar, dieses Restaurant möchte ich als nächstes besuchen.
    Es ist sehr selten in diesem Blog daß zwei Restaurants hintereinander derart gut besprochenen werden. Beim dem zuletzt besprochenen kann ich nur zustimmen, ich regte einen Besuch ja schon mal vor drei Jahren an. Auf den Besuch hier freue ich mich umso mehr.
    Weiter so mit diesem Berichten, ich gestehe, daß ich schon mehrmals dadurch zur Einkehr in Sternerestaurants bewegt wurde, nicht immer in den besprochenen (wegen der Entfernungen) aber ein schönes Erlebnis ist es in der Regel immer.

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  4. Neri Zi.

    Hallo und Danke für den Bericht.

    Jetzt weiß ich schon mal ungefähr, was mich am 13.2. erwartet.

    VG Neri

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  5. Stefan

    Das nenne ich mal ein gelungenes Schlemmerwochenende. Da hat der Guild Guide nicht übertrieben, nach deinem Bericht auch die längste Reise wert….:)

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