Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

The Restaurant at Waterkloof ‒ Betrachtungssache Ausblick

Auf einem Berg, dreihundert Meter über dem Meeresspiegel in Somerset West bei Kapstadt, befindet sich das Weingut Waterkloof. Das imposante Bauwerk beeindruckt mit seiner exponierten Lage und einer modernen, geradlinigen Architektur mit Beton und Glas.

Das Weingut selbst ist mir bisher nur vage ein Begriff. Mit dem Restaurant dagegen wird man schnell konfrontiert, wenn man die besten Restaurants am Kap recherchiert. Als mich der Fahrer hier absetzt, ist es schon dunkel. Die Lichter Kapstadts funkeln in der Ferne, tagsüber muss der Ausblick noch eindrucksvoller sein.

Man betritt das Restaurant über einen langen Gang, in dem es streng nach Vergorenem riecht. Ein Blick nach unten in einen Kellerraum mit Amphoren und Holzfässern offenbart die Quelle des Odeurs. Das ist zwar authentisch, aber nicht besonders appetitlich.

Der Speisesaal wiederum ist beeindruckend, mit einem großen Sitzbereich um einen raumschiffartigen Kamin, einer offenen Küche und einer Galerie eine Etage höher.

Am Tisch reicht eine Nuance zu blasiertes Personal die Speisekarte, die zwei Menüs für umgerechnet € 100 bzw. € 120 beinhaltet. Änderungen sind, laut Hinweis, keine gestattet, und alle am Tisch müssen dasselbe bestellen. Das finde ich (hier) alles etwas überspannt und erlaube mir daher die Frage einer Änderung. Das kleinere Menü soll es sein, aber mit einem zusätzlichen Gang aus dem anderen Menü. Keine große Sache, dürfte man meinen, aber es dauert lange, bis mir die Ausnahme letztlich gewährt wird. Nach einem Aperitif hat mich bisher noch niemand gefragt.

Die Auswahl diesbezüglich ist ein Witz. Es gibt ausschließlich Weine des eigenen Weinguts, entweder glasweise oder als Flasche. Das wäre begrüßenswert, säße man gerade, sagen wir, am Tisch bei Chris Mullineux ‒ um in der Region zu bleiben ‒, aber die Weine von Waterkloof, die einem hier oktroyiert werden, sind kaum genießbar, wie ich gleich feststellen werde.

Zu sehr dürftigem Brot und kugelförmiger Butter mit verschiedenen, unnötigen Geschmacksrichtungen kommt ein erster Snack. Tatar von „21 Tage gereiftem“ Lachs mit Gurke, Basilikum und Erbsen in jeweils unterschiedlicher Zubereitung markiert einen eher langweiligen Start. Frisch, gurkig und irgendwie „deutsch“, ein Merkmal, das ich in vielen der vermeintlichen Spitzenrestaurants Südafrikas wiederfinde. — 6,5

Frittiertes Wachtelei mit schwarzem Vulkansalz ist auch nicht viel aufregender. Paradoxerweise fehlt mir Salz. — 6,5

Der erste Gang aus dem Menü ist eine Komposition aus marinierten Artischockenherzen, dazu Haselnüsse, Sardellenmayonnaise, frittierter Knoblauch und Korianderpesto. Der Teller sieht aus als wäre darin das Hirn eines Außerirdischen explodiert. Sieht man davon ab, ist das ein sehr massiges Ensemble, das stellenweise gar nicht mal so schlecht schmeckt, aber in Summe viel zu viele Fragen aufwirft, die hier gar nicht der Mühe wert sind, beantwortet zu werden. — 6,5

Gang zwei ist der gnädigerweise eingeschobene Gang aus dem anderen Menü. Es gibt Marron, ein Krustentier, das mir zuletzt in Australien sehr gut gefallen hatte, dessen Potenzial hier jedoch kaum zur Geltung gelangt. Das ausgelöste und halbierte Tier ist pappig und kalt, als hätte man das Fleisch gerade aufgetaut. Zusammen mit Mango, Avocado und einer Hibiskusvinaigrette schmeckt das wie irgendein Mangosalat aus einer Bankett-Küche. — 6

Der kommende Gang ist eine flache, kreisförmig angerichtete Kreation mit mariniertem und mit Lauchasche umwickelten Stücken vom Wolfsbarsch. Die untere Schicht der Konstruktion besteht aus gegarten Kartoffeln, ein wenig wie bei einem Gratin. Dazu wird eine Sahnesauce mit Brunnenkresseöl angegossen. Das ist alles sehr harmonisch, lediglich der Kartoffelgrund wirkt geschmacklich etwas plump dazu. Und wer genau hinsieht, hat es sicherlich schon bemerkt: das erste anspruchsvolle Gericht des Abends ist stark inspiriert vom grandiosen Schellfisch aus dem Geranium in Kopenhagen. Rasmus Kofoed kombiniert ihn dort mit einer milden Buttermilchsauce mit Petersilie und finnischem Kaviar und richtet ihn in sehr ähnlicher Weise an. Lieber gut kopiert als schlecht selbstgemacht, dennoch in Summe mit Verbesserungsmöglichkeiten. — 6,9

Ein Estragon-Eis mit Zitronengelee und Olivenöl ist die erste völlig einwandfreie Speise, nur bin ich kein allzu großer Freund solch kalter Zwischengänge. Dennoch sehr gut. — 7

Der Hauptgang ist Ente, erkaltet, zu roh, mit gummiartiger Haut und einer offenbar vom Eleven Madison Park in New York „inspirierten“ Gewürzschicht. Rhabarber, Pak Choi und eine durchaus passable Sauce retten das Gericht nicht, von dem eine Gabel für mich ausreichend ist. — 5

Ich habe inzwischen einen weiteren offenen Rotwein des Hauses im Glas, nachdem ich den ersten, einen Cabernet Sauvignon, gerade zurückgehen lassen musste. Bestellt man hier nämlich einen Wein, wird gleich das ganze Glas vollgeschenkt anstatt dass ein Probeschluck gereicht wird. Der neue, ein Merlot, ist auch nicht viel besser.

Ein Pré-Dessert mit einem Segel aus Büffelmilch, Zitronengelee und einer Art Joghurteis ist geschmacklich nahezu identisch zu der Erfrischung vor der Ente. Für sich allein betrachtet sehr gut. — 7

Camembert Crême Brûlée“ ist der Titel des Käsegangs ‒ eine von zwei Optionen zum Abschluss. Die in einer Käseschachtel präsentierte Kreation beinhaltet irgendwelche eisähnlichen Käsenocken mit Sellerie und diamantharten, nicht essbaren Gebilden aus kandierter Walnuss und Curry. Fürchterlich. — 5

Mangelhafte Zutaten, sinnlose Spielereien, Repetition, dürftiges Handwerk, schlechte Weine. Das wäre eigentlich alles kaum besprechenswert, präsentierte man das nicht in diesem aufgesetzten Ambiente. Es gibt gastronomisch gesehen wenig Peinlicheres als ein exklusives Ambiente mit banalem Essen (nur andersherum wird da ein Schuh draus). Gemessen an diesem Menü, kann man sich die Fahrt nach hier oben sparen. Oder anders formuliert: schöner Ausblick, nur nicht auf ein gutes Mahl.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: The Restaurant at Waterkloof (→ Website)
Chef de Cuisine: Gregory Czarnecki
Ort: Somerset West, Südafrika
Datum dieses Besuchs: 04.03.2019
Meine Bewertung dieses Essens (?): 6 (Was bedeutet das?)
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5 Antworten zu “The Restaurant at Waterkloof ‒ Betrachtungssache Ausblick”

  1. Stefan H.

    Ich empfinde den Bericht eigentlich noch geschönt. Ich habe das 1:1 im Januar 2018 auch so erlebt. Ich stand kurz davor in die Küche zu marschieren und meine maßlose Enttäuschung prononciert Ausdruck zu verleihen und über die Kochehre, ein akzeptablen Teller auf den Tisch zu bringen, zu philosophieren. Ich kann mich nur schwer an eine Restaurant erinnern, bei dem vermeintlicher Anspruch und Wirklichkeit so diametral auseinander driften.

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