Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

La Petite Colombe – Identitätskrise

Das Restaurant La Colombe in Kapstadts Vorort Constantia zählt regelmäßig zu den besten Restaurants Südafrikas. Seit etwas über zwei Jahren gibt es ein Schwesterrestaurant im malerischen Franschhoek. Im dortigen Hotel Le Quartier Français löst das La Petite Colombe den bisherigen Tasting Room ab, der bis Ende 2016 das gastronomische Aushängeschild des Boutique-Hotels war.

Trotz des kleinen Zusatzes im Namen will das La Petite Colombe mit derselben Spitzenleistung auf sich aufmerksam machen wie das Pendant in Kapstadt. Auf dem Logo des Restaurants ist das Wort „Petite“ daher auch erst auf den zweiten Blick zu erkennen.

Der Speisesaal bietet eine sachlich elegante Atmosphäre ohne besondere Auffälligkeiten. Das gilt natürlich nur, wenn man von der vollverglasten Fensterfront absieht, die den Saal zum Sonnenuntergang mit wunderschönem Licht flutet und einen Ausblick auf üppige grüne Vegetation und, im Hintergrund, die Berge der Region bietet.

Das Personal ist freundlich, jung und locker, aber eine beabsichtigte Förmlichkeit schwingt immer mit. Man möchte hier auf jeden Fall fine dining präsentieren, mit allem Drum und Dran.

Die Weinkarte bietet nahezu ausschließlich Optionen aus der Region, allerdings nichts allzu Spektakuläres. Im Gespräch mit der Sommelière fällt meine Wahl auf einen günstigen, aber guten 2017er Hogan Chenin Blanc aus Swartland für umgerechnet ca. € 40. Gerade zum Sonnenuntergang ist das ein guter Start in den Abend.

Das Speiseangebot besteht aus einem Menü, das in einer regulären (€ 84) und einer reduzierten Variante (€ 60) zu haben ist. Auch hier macht sich das in Südafrika recht zurückhaltende Preisniveau in der Gastronomie erfreulich bemerkbar.

Das reduzierte Menü, für das ich mich entscheide (der Tag war lang, die Weinproben umfangreich, und der Fahrer wartet draußen), beginnt gleich mit dem ersten Gang, einem Tatar vom Gelbflossenthun. Auf dem kreisförmig angerichteten Tatar findet man Cremes und Gels von Avocado bzw. Naartjie, einer mandarinenartigen Zitrusfrucht, sowie feinsäuberlich darin eingesteckte Kräuter und Kimchi. Das frappierend „deutsch“ anmutende Gericht hat ähnliche Probleme wie so manch ein Gericht bei uns. Am Gaumen überwiegt eine cremige, artifiziell wirkende Konsistenz, deren Künstlichkeit von der Süße des Kimchi noch unterstrichen wird. Das langwierige Anrichten bringt dann auch noch eine Homogenität bezüglich der Temperatur mit sich, was am Gaumen für ein undifferenziertes Bild sorgt und dem Thunfisch, der von guter Qualität ist, eine untergeordnete Rolle zukommen lässt. Meine Maßstäbe sind hoch, aber ein Teller, der so aussieht und in einem solchen Ambiente als „signature dish“ präsentiert wird, muss sich auch messen lassen können. — 6,9

Gericht Nummer zwei setzt den skurril „deutschen“ Stil fort und präsentiert einen Avocadoschaum im Mittelpunkt des Tellers. Weitere Zutaten sind Kaisergranat in Form von zwei kleinen Stücken, rohe Gelbschwanzmakrele, Mango, Ponzu, ein Nest aus Süßkartoffelfäden sowie erneut einige Cremes und Kräuter. Das Geschmacksbild ist dem des vorherigen Gerichts sehr ähnlich. Leider bietet auch dieser Teller keine beeindruckenden Produkte, sondern nur recht diffuse, cremige Eindrücke am Gaumen. Das ist alles nicht schlecht, aber es bereitet mir grundsätzlich wenig Freude, nur Aromen und Texturen zu verspeisen anstelle von bemerkenswerten Zutaten. — 6,9

Die nächste Etappe des Menüs ist mit „Meet the chefs“ betitelt und sieht einen Gang an eine Art Tresen vor, von dem aus man in die Küche blicken kann. Von dem Geschehen abgelenkt, übersieht man als Gast zunächst den direkt vor einem zwischen Pflanzen drapierten Snack, bestehend aus einem getoasteten Foie-Gras-Sandwich, welches man in eine Creme aus, unter anderem, Wachtelei und Steinpilzen tunkt. Die Komponenten sind handwerklich sehr gut umgesetzt, und auch geschmacklich funktioniert die Kombination von klassischen, schmeichelnden Aromen sehr gut. — 7

Auf der Haut gebratener Wolfsbarsch von Mauritius weist im nächsten Gericht eine sehr gute Qualität auf, ist saftig und klar im Geschmack. Die knusprig gebratene Haut ist eine Nuance zu stark gebraten, was jedoch geschmacklich keinen negativen Einfluss hat. Das Ganze kommt auf einem Saucenspiegel mit Chorizo-Öl und Muscheln, weitere Komponenten sind einige Gemüse wie grüner Spargel, Tomate, Zucchini sowie noch ein kleines Stück gegrillter Tintenfisch. Das Gericht schmeckt angenehm mediterran, bietet Zutaten von guter Qualität, wirkt aber auch etwas beliebig. — 7

Ein sehr artifiziell konzipierter Käsegang mit „Gonedsa Boerenkaas“, Walnüssen und Apfelcreme begeistert mich dann ungefähr in derselben Menge, in der man hier hochwertigen Käse findet. Wenngleich man bei dem Gericht durchaus eine geschmacklich stimmige Käse-Früchte-Welt feststellen kann, ist diese Astronautennahrung ein enttäuschendes, cremiges, klebriges Missgeschick. — 6

Dasselbe gilt für das Dessert mit „Valrhôna Dulcey“-Schokolade, Steinobst, Joghurt, Pistazie und Amaretto in allen möglichen Texturen, die die Pulverdöschen in der Küche so hergeben. Ich picke nur an einigen Stellen mit der Gabel daran herum und probiere den artifiziellen Geschmack. Das ist mir zu albern, um darin irgendetwas Gutes zu suchen. Bei solchen Zubereitungen muss sich eine Küche auch den Vorwurf gefallen lassen, dass sie bedenklich nah an die konventionelle Lebensmittelindustrie heranrückt. Ein solcher Teller und ein paar Tüten Süßigkeiten aus dem Supermarktregal unterschieden sich nicht mehr in wesentlichen Aspekten. — 6

Die Bewertungen der Gerichte spiegeln ganz nüchtern betrachtet ein Essen mit guten bis sehr guten Gerichten wider. Man kann das dabei belassen und sich über einen „schönen Abend“ freuen, wie vermutlich die meisten Gäste hier. Mir hat jedoch die überraschende Parallele zu vielen Tellern aus deutschen Gourmetküchen zu denken gegeben. Überspitzt zusammengefasst, sind Quetschflaschen ein Symptom einer fehlenden kulinarischen Identität. Während das Problem in Deutschland andere Ursachen hat, besteht in Südafrika so etwas wie ein Überangebot an Identitäten. Das Land zählt allein elf Amtssprachen und drei Hauptstädte. Mit diesen Einflüssen intelligent zu spielen, um damit vielleicht an einer Neuen Südafrikanischen Küche mitzuwirken, sollte eigentlich zur Passion jedes ambitionierten Küchenchefs hier gehören. Dass das heute Abend hier nicht zu sehen war, hat mich etwas enttäuscht. Etwas petit, die ganze Chose.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: La Petite Colombe (→ Website)
Chef de Cuisine: John Norris Rogers
Ort: Franschhoek, Südafrika
Datum dieses Besuchs: 05.03.2019
Meine Bewertung dieses Essens (?): 6,9 (Was bedeutet das?)
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4 Antworten zu “La Petite Colombe – Identitätskrise”

  1. Licenciado Vladimiro

    Das war auch mein Eindruck bei einem Besuch in der Colombe sowie auch in der Petit Colombe anno 2017. Nett – mehr nicht. Internationales „fine dining“ ohne einen regionalem Bezug oder klar erkennbaren Stil.

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  2. Philipp

    Das liest sich jetzt alles etwas negativ aber eine 6,9 entspricht ja eigentlich einem guten Essen für das man schon mal einen Zwischenstopp einlegen kann? Der Bericht liest sich eher so als wärest Du mit deutlich höheren Erwartungen hingegangen?

    Die eher schwach ausgeprägte Küchenidentität habe ich auch bemerkt – ich war letztes Jahr 6 Monate in Südafrika – vielleicht sind das, ich spekuliere jetzt mal ins Blaue, noch Nachwehen der Apartheid-Zeit, die ein holländisch-deutsch-britisches Küchenbild begünstigen. Z.B. schwarzafrikanische Einflüsse habe ich in den einschlägigen Restaurants noch kaum beobachtet, dafür hat die indische Küche mit Schwerpunkt in Durban bereits bemerkbaren Einfluss.

    Für die Kapregion steht für mich am ehesten das Chefs Warehouse & Canteen für einen für die Region repräsentativen Küchenstil – da warst Du ja auch, insofern bin ich mal gespannt wie Du es empfunden hast.

    Generell ist es aber ein tolles Land und für mich eine der schönsten Genussregionen der Welt.

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