Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Le Moissonnier – Zweisternestammrestaurant

Erneut führt es mich nach Köln, und erneut dort ins „Le Moissonnier“, denn alles andere würde ich mir nicht verzeihen. Küchenchef Eric Menchon und das Team um Vincent und Liliane Moissonnier ziehen auch an diesem Abend alle Register, um auch einen für Abwechslung dankbaren Genießer glücklich zu machen.

So lädt auch heute Abend die Speisekarte zum endlosen Schlemmen ein, dem lediglich die Küchenöffnungszeiten einen Strich durch die Rechnung machen – sonst äße ich wahrscheinlich noch immer hier. Bei dem Selektionsprozess der Speisen, der immer auch mit Wehmut verbunden ist, da man durch die Auswahl seiner Gerichte automatisch andere ausschließt, spielt es auch überhaupt keine Rolle, ob Gerichte wie Froschschenkel gebraten nach Müllerin Art auf weißer Sauce mit Erbsenpaste und eingelegten Kirschen, dazu Ravioli von glasierten Rübchen in Orange oder Filet vom Rehbock gebraten in orientalischem Gewürz, Pfifferlinge in Mandelmilch, Gnocchi und Tomaten-Beignet mit Sesam als Vorspeise oder Hauptgang ausgewiesen sind – ich bestelle einfach schon Mal vier, der Genuss wird’s schon richten.

Vorweg gereicht wird eine kleine Kompsition mit Entenconfit auf Johannisbeergelee, darauf ein Rosenkohlsalat, das Ganze in einer Wildconsommé. Dieser gelungene Auftakt bereitet gut auf das eigentliche Prinzip der Küche vor, das hier ganz besonders auf das Zusammenspiel diverser Aromen fokussiert ist. Ist die Gewichtung der Komponenten bei diesem „Gruß“ noch vorgegeben, schickt Eric Menchon den Esser ab dem ersten Gang dann jedoch auf eine individuelle kulinarische Expedition.

Die schon oben erwähnten Froschschenkel (€ 25) sind gleich das erste Beispiel für diesen Ansatz: den mittigen Teller mit den zart-saftigen Froschschenkeln flankieren zwei weitere Teller mit ergänzenden Komponenten. Dabei werden dem Esser keine überflüssigen Anweisungen mit auf den Weg gegeben; hier soll der Esser selbst zum Entdecker werden. Man isst auf diese Weise von dem einen Teller, probiert vom anderen, verwendet Gabel, Messer, Löffel und Finger, kombiniert mal dieses mit jenem und dann wieder andersherum. Was sich unkoordiniert anhört, funktioniert jedoch bestens. Man kann gar nicht aufhören zu kombinieren und zu essen, der Weg zum Genuss ist hier der Weg selbst. Hat man die für sich optimale Kombination gefunden (es gibt hierbei kein Richtig oder Falsch), fühlt man sich fast, als wäre man selbst auf diese Idee gekommen. Doch der eigentliche Schöpfer heißt natürlich Eric Menchon und werkelt gerade in der Küche an den nächsten Köstlichkeiten, die sich nahtlos in dieses Prinzip einreihen. Im Einzelnen:

Die Gebratenen Langustinen in Berberitze werden begleitet von einem Artischocken-Sellerie-Cannelono, Langustinen-Tatar und Mais-Crème mit Piment d’Espelette sowie einer Wakame-Brühe mit Meeresfrüchten und Erdnusspaste (€ 38). Die Langustinen sind natürlich von bester Qualität und perfekt glasig gegart. Manchmal kombiniere ich sie mit der exzellenten Maiscrème vom linken Teller, dann genieße ich wieder eine Languste ganz puristisch – man ist schließlich frei. Die separat gereichte Brühe, in der einiges an Meeresfrüchten vor sich hin zieht, ist hervorragend abgeschmeckt, aber ich bin unfairer Weise kein zu großer Muschelfreund, um hierbei ins Schwärmen zu gelangen.

Nächster Gang, offiziell noch eine Vorspeise, ist das Filet vom Rehbock gebraten in orientalischem Gewürz (€ 25), vorher gibt’s einen knusprigen Tomaten-Beignet mit Sesam. Die auf dem Fleischteller unverkennbare, aber keinesfalls dominierende Note an orientalischen Gewürzen wie Kardamom ist sehr gut auf das Wild feinster Qualität abgestimmt und erinnert an die elegante orientalische Küche Wahabi Nouris. Die Sauce selbst könnte für meinen Geschmack jedoch etwas dichter sein, und der recht trockene Gnocchi vermag mich auch nicht so recht zu überzeugen. Die separat in einer Hühereischale servierten Pfifferlinge in Mandelmilch sind eine nette Idee, allerdings unterstützt dieses Gericht nicht die explorative, spielerische Herangehensweise der anderen Gerichte, was auch etwas im unpraktischen Hühnerei begründet liegt, aus dem man den Inhalt vorsichtig hervorholen muss.

Das folgende Gericht schließt dann wieder mühelos auf. Das Münsterländische Juvenilferkel (€ 48,50!) ist geschmort und gebraten in Vadouvan-Gewürz, dazu wird ein Vadouvan-Senf gereicht. Die Konsistenz von Fleisch und Kruste sind hervorragend, allerdings könnte dieser Teller allein nicht vollends begeistern – was er jedoch auch nicht tun soll. Auf dem linken Teller findet man eine äußerst aromatische Zusammenstellung aus Soba-Nudeln in Gemüsebrühe mit Curryblättern und Perltapioka mit Wasabi. Mit dieser originellen, höchst filigranen Komposition kann Menchon vollends begeistern. Die eleganten, aber vielschichtigen Aromen dieses Tellers ergänzen wunderbar die beiden Fleischteller, von denen der zweite besteht aus einem Saltimbocca vom Felkelfilet mit Zitrone und Kubeben-Pfeffer. Selbst in der Regel eher langweiliges, weil fettarmes Schweinefilet, gewinnt in dieser Kombination deutlich. Ein mutiges, überraschendes und aromatisch ausgefeiltes Gericht.

Zufrieden, (nimmer)satt und drei Stunden nach dem ersten Happen immer noch neugierig auf Weiteres, lasse ich mir die Freude an den exzellenten Fromages fermiers au lait cru (€ 17) vont Bernard Anony, Frankreichs berühmtester und weltweit wohl begehrtester Käseverfeinerer, genauso wenig nehmen wie im Anschluss noch einen hervorragenden Gâteau chocolat-noisette (€ 15).

Nun sind vier Stunden vergangen, das vorhin noch volle Restaurant ist – bis auf die charmanten jungen Damen aus dem Service – leer, und ich bin um eine weitere, glücklich machende kulinarische Expedition reicher. Kritik? Ja, die Butter am Tisch ist noch immer ungesalzen, die Weinpreise diverser Flaschen sind nach wie vor überwürzt, und das Restaurant ist in 426 km Entfernung zu Hamburg für ein Stammrestaurant etwas ungünstig gelegen. Aber das ist alles nicht so schlimm. Zum Brot-und-Butter-Essen kommt man hier ohnehin nicht her; Wein gibt es auch, wie am heutigen Abend, sehr gut glasweise; und ein Umweg nach Köln hat noch keinem geschadet. Zumindest nicht mit dem „Le Moissonnier“ als Wegpunkt. Also à la prochaine!

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Le Moissonnier (→ Website)
Chef de Cuisine: Eric Menchon
Ort: Krefelder Straße 25, Köln
Datum dieses Besuchs: 23.11.2010
Guide Michelin (D 2011): **
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7,9

6 Antworten zu “Le Moissonnier – Zweisternestammrestaurant”

  1. Stephan

    …also geschmacklich hatte ich in der tat (sic!) im Moissonnier noch nie etwas auszustzen. Aber vielleicht bin einfach ein zu gieriges (normalgewichtiges, normalgroßes) Vielfraß, denn ich hatte bereits zweimal danach noch ein sehr akutes Hungergefühl und habe mir als drittes Dessert in der Weidengasse nen Döner geholt (welch Frevel) ;-)

    DAS wäre eher mein Kritikpunkt – ich fand die Portionen einfach schlicht etwas zu klein, und ich erwarte auch in der Sternegastronomie, vom Essen und nicht vom Brot satt zu werden (was meistens in gleicher Kategorie nie ein größeres Problem gewesen ist).

    Antworten
  2. Max

    Gestern mit der ganzen Familie im Moissonier.
    Es war ein ganz besonderes Erlebnis. Wir wählten das Wochenendmenü mit 6 Gängen für 145€ inkl. Weinauswahl. Zuvor war die Aperitifkarte bereits das erste Highlight.
    Die Raffinesse der Speisen war wirklich außergwöhnlich, ebenso die dazu gereichten Weine. Man merkte, dass Vincent Moissonier auch sehr viel von Weinen versteht. Zum einen waren die Weine wirkliche Spezialitäten und zum zweiten hervorragende Ergänzungen zu den Speisen.
    Nach den Ein-Sternern von Landhaus St. Urban (Naurath), Capricorn i Aries (Köln) und Le Noir (Saarbrücken) war für mich gestern tatsächlich nochmal eine Steigerung wahrnehmbar. Die Zwei-Sterne-Premiere war ein voller Erfolg.

    Antworten
  3. Ralfonso

    Diese Woche habe ich endlich den Weg zum Moissonnier nach Köln geschafft und bin leider sehr enttäuscht.
    Sicher: das Lokal ist wunderschön, alle Beteiligten geben sich größte Mühe, den Gast zufriedenzustellen, das Essen ist optisch und küchentechnisch top. Nur: es schmeckt nur eben ganz gut.
    Der besondere Genuss, die Aromensensation, die man auf solchem Niveau erwartet, stallt sich bei mir bei keinem der 5 verzehrten Gänge ein. Die optische Vielfalt findet sich geschmacklich nicht wieder.
    Mir fallen X Restaurants -auch ohne Stern- ein, in denen ich besser gegessen habe. Nach meiner Erfahrung sind die 2 Michelinsterne deutlich überzogen. Schade.

    Antworten
    • Julien Walther (Trois Etoiles)

      Hallo Rafonso! Schade, dass Sie das so erlebt haben. Wie Sie meinen Berichten sicherlich entnehmen konnten, habe ich im „Le Moissonnier“ bisher immer ganz hervorragend gespeist – eben gerade, weil es immer ungemein köstlich war. Die zwei Sterne musste ich nach meinen vielzähligen Besuchen nicht mal ansatzweise in Frage stellen. Aber auch hier gilt: absolute Sicherheit gibt es nicht. Gehen Sie vielleicht irgendwann noch mal hin und lassen sich vom Gegenteil überzeugen. Santé!

      Antworten
    • Martin

      Wir waren vor zwei Wochen ebenfalls im „Le Moissonier“ und wir waren gewissermaßen auch enttäuscht. Das Essen hat zwar gut geschmeckt, mehr aber leider nicht. Optisch sicherlich sehr schön anzusehen, auch makellos zubereitet, aber geschmacklich eben doch ein wenig enttäuschend. Auch wurden wiederholt Speisen serviert obwohl einer von uns gerade nicht am Tisch war… nicht tragisch aber auch nicht wirklich schön.

      Vielleicht waren wir aber auch einfach nur verwöhnt, haben wir doch vor kurzem in Paris in verschiedenen Restaurants, mit und ohne Stern(e), hervorragend gegessen. So wie an diesem Wochenende auch in Berlin ;-)

      Da die beiden Sterne in Köln ja nicht vom Himmel gefallen sein können, werden wir aber sicherlich noch einmal dorthin zurück kehren.

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Einfaches HTML ist erlaubt. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diesen Kommentar-Feed über RSS abonnieren