Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Tourniert: Kapstadt & Co.

Auf meiner Reise nach Südafrika im März besuchte ich natürlich auch Kapstadt und Umgebung. Die südafrikanische Metropole pulsiert, die Weinregion um Stellenbosch hat Boutique-Charakter wie in Kalifornien.

Neben den bereits veröffentlichten Einzelberichten zu The Test Kitchen, La Petite Colombe und The Restaurant at Waterkloof folgen hier nun Kurzberichte zu fünf weiteren Restaurants.

Im Einzelnen:

→ Delaire Graff Restaurant, Stellenbosch
→ Indochine, Stellenbosch
→ Jordan Restaurant, Stellenbosch
→ Ellerman House, Kapstadt
→ The Pot Luck Club, Kapstadt


Delaire Graff Restaurant, Stellenbosch

Touchdown in Cape Town, aber für die Stadt ist später noch Zeit. Zunächst habe ich ein paar Tage im Relais & Châteaux Delaire Graff Estate in Stellenbosch geplant. Das Anwesen inmitten der weitläufigen Weinregion ist ein Juwel und ein hervorragender Ausgangspunkt für Unternehmungen in der Region.

Die Anlage beherbergt zwei Restaurants. Das asiatisch inspirierte Indochine (siehe unten) sowie das Hauptrestaurant Delaire Graff Restaurant. Beide Restaurants sind in der Region sehr populär, womit sich auch als Hausgast Reservierungen empfehlen.

Das Delaire Graff Restaurant bietet auf der großen Terrasse mit atemberaubender Kulisse genau die richtige Atmosphäre für mein erstes Mittagessen in Südafrika. Ein 2016er Chardonnay „Terrace Block Reserve 1300“ vom hauseigenen Weingut (ca. € 17,80) passt schon mal hervorragend.

Die Speisekarte spricht eine internationale Sprache. Es gibt z. B. Thunfisch-Ceviche (€ 13,60), das zwar gut abgeschmeckt ist und auch an makelloser Thunfischqualität nicht zweifeln lässt ‒ wohl aber an einem korrekten Verständnis des Begriffs „Ceviche“. Dennoch ist das gerade hier draußen alles sehr angenehm, der lange Flug steckt mir noch in den Knochen. — 6,5

Die Hauptspeise, ein etwas zu knusprig auf der Haut gebratenes Filet vom Wolfsbarsch mit Basilikum-Jus und einem klassischen „Beilagenkonzept“ (€ 23,30) bestehend aus Tomaten, Kartoffeln und Spargelspitzen ist gerade akzeptabel, demonstriert aber auch die recht undefinierte Ausrichtung des Restaurants. Das könnte man alles auch in irgendeinem Hotelrestaurant in Deutschland so bekommen. — 6

Abends ändert sich nicht viel, außer, dass man auf den schönen Blick verzichten muss.

Ein Amuse-bouche mit Linsen, einer Krokette mit geschmortem Rind und einer Aioli-Creme ist angenehm heiß und würzig (6,5), später setzt eine große Portion „Mooi River Beef“ (€ 24) verschiedene Fragezeichen. Das magere Fleisch, offenbar Filet, ist zart, aber geschmacksneutral und recht trocken, ein „smoked potato puree“ hat offenbar etwas zu viel Hickory-Sauce gesehen, und ein Klecks Kirschgel, den man auf Kartoffelhälften gesetzt hat, schmeckt so bitter wie Blausäure (6).

Alles kein Beinbruch, aber in einem Hotel mit vierstelligen Zimmerpreisen wünscht man sich auch eine entsprechend hochwertige Bewirtung.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Delaire Graff Restaurant (→ Website)
Chef de Cuisine: Kevin Grobler
Ort: Stellenbosch, Südafrika
Datum dieser Besuche: 03.03.2019, 06.03.2019
Meine Bewertung dieser Essen (?): 6,5 (Was bedeutet das?)
Diskussion bei Facebook: hier klicken

Indochine, Stellenbosch

Das zweite Restaurant im Delaire Graff Estate bietet eine etwas intimere Atmosphäre und asiatisch inspirierte Küche.

Dabei ist das Indochine qualitativ nicht viel auffälliger.

Die Speisen haben wegen ihrer orientalischen Würzung naturgemäß etwas mehr Präsenz. Ein Tintenfisch-„Miang Kham“ (ca. € 12,50) ‒ eigentlich eine in Thailand beheimateter Speise, bei der man verschiedene Zutaten mit den Fingern in Blätter wickelt ‒, beinhaltet neben kleingeschnittenem Tintenfisch u. a. noch Erdnüsse, Limone, Kokosnuss, Grapefruit und karamellisierte Zwiebeln. Das ist frisch, würzig und schmeckt authentisch thailändisch. — 6,5

Ein weiterer Appetizer um das Thema Schwein (ca. € 13) ‒ hier als geräuchertes Lendenstück und knusprig gebratenes Stück vom Bauch ‒ ist qualitativ und handwerklich gut, verschiedene säuerlich angemachte, weitestgehend erkaltete Gemüse bereiten dazu jedoch nur mäßigen Genuss. — 6,5

Deutlich schmackhafter ist scharf angebratener Wolfsbarsch von sehr guter Qualität mit verschiedenen, präzise abgeschmeckten Aromaten wie Frühlingslauch, Limette und einer süßlich-süffigen Sauce mit karamellisierten Zwiebeln. — 6,9

Zum würzigen Abend passte ein dunkler, aber seidiger 2015er Raats Family Wines „MR de Compostella“ (€ 134). Das Essen hier ist eine Nuance besser als im Hauptrestaurant, aber wer nicht Hotelgast ist, muss sich auch nicht unbedingt hierher verirren.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Indochine (→ Website)
Chef de Cuisine: Virgil Kahn
Ort: Stellenbosch, Südafrika
Datum dieses Besuchs: 03.03.2019
Meine Bewertung dieses Essens (?): 6,5 (Was bedeutet das?)
Diskussion bei Facebook: hier klicken

Jordan Restaurant, Stellenbosch

Jordan Restaurant ist im gleichnamigen Boutique-Weingut in Stellenbosch beherbergt. Küchenchef George Jardine sorgt mit einer produktbetonten, regionalen Küche seit Jahren konstant für eine Nennung des Restaurants unter den besten am Kap.

Der Speisesaal bietet mit seiner großen Glasfront einen weitläufigen ‒ heute etwas trüben ‒ Ausblick über Täler und Berge der Weinregion. Der Ort ist daher besonders für ein Mittagessen zu empfehlen.

Die Speisekarte bietet wenige, aber hervorragend klingende Gerichte zum Menüpreis (z. B. zwei Gänge für ca. € 21) sowie Dutzende Weine, sowohl vom hauseigenen Weingut als auch von anderen Erzeugern aus der Region. Ich starte mit einem Glas 2017er Jordan Barrel Fermented Chardonnay, der weit besser schmeckt als es der Preis von ca. € 5,80 suggeriert.

Mein Lunch beginnt mit einer Portion en papilotte gedämpfter Miesmuscheln aus der Saldanha Bay, nordwestlich von Kapstadt. Beim Öffnen des Papiers entweicht ein heißer, süßlicher Dampf mit Aromen von Zitronengras, Kokosnuss, Chili, Limette, Ingwer, Knoblauch und einem Hauch Meer. Die Muscheln ‒ groß, fleischig, süffig ‒ sind von fantastischer Qualität, ich bin kurz davor, eine zweite Portion zu bestellen … — 7

Doch der Hauptgang ist üppig genug. Gereiftes Sirloin-Steak vom Chalmar Beef aus Johannesburg kommt mit einer Spinatvelouté, stiftförmigen Gnocchi und knusprigem Kalbsbries. Das Gericht leidet ein bisschen unter seiner Üppigkeit, zudem ist das Fleisch sehr auf der zähen Seite und nur mit Mühe zu schneiden. Mit weniger, aber besserem Fleisch wäre das geschmacklich durchaus überzeugende Gericht noch besser. — 6,9

Wer Zeit hat, genießt danach noch ein kleines tasting auf der Terrasse des Weinguts. Unschlagbare Preise, angenehme Atmosphäre, hochwertiges Essen ‒ eine unbedingte Empfehlung in der Region.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Jordan Restaurant (→ Website)
Chef de Cuisine: George Jardine
Ort: Stellenbosch, Südafrika
Datum dieses Besuchs: 04.03.2019
Meine Bewertung dieses Essens (?): 6,9 (Was bedeutet das?)
Diskussion bei Facebook: hier klicken

Ellerman House, Kapstadt

Das Ellerman House ist ein außergewöhnliches Hotel in Kapstadt. Von modrig muffigen Zimmern zu atemberaubenden Preisen bis zum mehrstöckigen, modernen Penthouse mit eigenem Pool lässt es sich hier ganz unterschiedlich bequem wohnen. Eine der größten Sammlungen südafrikanischer Kunst ziert zudem die Wände der alten Gemäuer.

Nach einer langen Anreise aus dem Krüger Nationalpark und einer recht späten Ankunft in Kapstadt ist heute Abend „nur“ das Hotelrestaurant geplant. Es bietet eine ruhige, elegante Atmosphäre mit eklektischer Einrichtung in gedeckten Farben.

Die Speisekarte bietet viele Produkte aus der Region und hat sichtlich höhere Ansprüche. Ein Appetizer mit Linsen, einem frittierten Fischbällchen und einer angenehm pikanten Ananas-Curry-Sauce ist heiß, und präzise abgeschmeckt (7). Ein sehr aromatisches Süppchen mit Brunnenkresse (ca. € 12) erhält geschmackliche Komplexität durch schwarzen Trüffel und pochierte boudin blanc (Kalbswurst) ‒ ebenfalls sehr gut (7).

Meine Wahl fürs Hauptgericht fällt auf Stubenküken (€ 16), das mit Lauch, Pilzen, Kartoffeln und einer dicht reduzierten Sauce auf Hühnerfondbasis serviert wird ‒ also im Kern klassisch Französisch. Das Küken ist teilweise recht trocken, die Sauce und Gemüse jedoch einwandfrei. — 6,9

Das Highlight des Abends ist aber sicherlich der exzellente 2014er Shiraz „Granite“ vom Weingut Mullineux (€ 134). Der hatte mir schon bei einer Weinprobe auf dem Weingut vor einigen Tagen so gut gefallen, dass ich ihn hier gleich wiederbestellen musste.

Nicht gerade pulsierend hier, aber objektiv eine sehr gute Küche mit Ambitionen.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Ellerman House (→ Website)
Chef de Cuisine: Grant Daniels
Ort: Kapstadt, Südafrika
Datum dieses Besuchs: 10.03.2019
Meine Bewertung dieses Essens (?): 6,9 (Was bedeutet das?)
Diskussion bei Facebook: hier klicken

The Pot Luck Club, Kapstadt

Kapstadts innovativster und umtriebigster Gastronom, Luke Dale-Roberts, betreibt neben dem berühmten The Test Kitchen noch weitere, zwanglosere Restaurants. The Pot Luck Club, auf demselben Gelände, ist ein quirliges Restaurant mit Tapas-Konzept. Es gibt Stäbchen statt Besteck, die Köche sind tätowiert, der Service ist jung und leger, aber hektisch.

Die Speisen sind auf der Karte in die fünf Grundgeschmacksrichtungen unterteilt, zusätzlich gibt es noch „Favoriten“. Die Preise der Speisen sind kaum der Rede wert und bewegen sich umgerechnet fast alle im einstelligen (!) Euro-Bereich.

Ein „Beef Tataki“ mit in Hoisin-Sauce mariniertem Rind guter Qualität, Koriander-Pesto und Ponzu-Mayonnaise schmeckt verführerisch süßlich, säuerlich, süffig (6,9); so auch frittierter Tintenfisch mit Zitronenemulsion und „Curry XO“-Dressing (7). Das sehr gefällige Geschmacksbild ist eine Art Geheimrezept des Küchenchefs, das auch in der Test Kitchen vorwiegend zum Einsatz gelangt.

Knusprig gebratenes Kalbsbries mit einer elegant bitteren Orange-Chorizo-Marmelade ist zart, saftig und durch etwas Jalapeno-Sauce angenehm pikant (6,9); Lamm mit Ras-el-Hanout-Gewürz, Tomate, Auberginenkaviar und einer zwar stabilisierten, aber geschmacklich dichten Sauce ist noch eine Nuance besser (7).

Restaurants dieser Art bereiten mir grundsätzlich große Freude. Es ist die Art von ungezwungener, hochwertiger Gastronomie für den Alltag, die in Deutschland bedauerlicherweise nicht existiert. Dabei fängt Genuss hier erst an. Mein Tipp an mich fürs nächste Mal: unbedingt einen ganzen Abend lang die gesamte Karte durchprobieren.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: The Pot Luck Club (→ Website)
Chef de Cuisine: Jason Kosmas
Ort: Kapstadt, Südafrika
Datum dieses Besuchs: 11.03.2019
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7 (Was bedeutet das?)
Diskussion bei Facebook: hier klicken

4 Antworten zu “Tourniert: Kapstadt & Co.”

  1. Philipp

    Gibt es einen Grund, dass das Chef’s Warehouse & Canteen ausgespart ist? Erhält es einen eigenen Bericht :-)?

    Ansonsten stimme ich dem Ganzen zu, ist vielleicht kulinarisch nicht die allerhöchste Spitze, aber es gibt vieles was sehr viel Spaß macht und auf 1-Sterne-Niveau sehr, sehr gut funktioniert (und zudem nur ein Drittel bis Hälfte kostet).

    Lediglich Pot Luck Club war für mich so gar nichts, die Portionsgrößen aus 2-3 Bissen haben mir nicht gereicht um ein Gericht richtig zu probieren, die Produktqualitäten waren Durchschnitt und die Geschmacksbilder etwas einfach – das kriegt man auch bei jedem besseren hippen Asiaten in Berlin, z.B. Rindfleisch-Tataki mit Sesam und Ponzu, frittierter Oktopus, etc. Wir haben 8 verschiedene Dishes bestellt (summiert sich dann mit Getränken auch schon auf >€100) und hatten dann immer noch Hunger. Wir haben dann abgebrochen und sind noch zu Nelson’s Eye. Abzubrechen und das Restaurant zu wechseln war für mich auch ein Novum (musste da an Deinen Blog denken :-)).

    Die Gastro im Pot Luck Club an sich ist cool aber ich fand z.B. Chef’s Warehouse & Canteen oder Thali viel besser.

    Antworten
  2. christoph

    „für mein erstes Lunch in Südafrika“
    Der Lunch nicht das Lunch.
    Sollte man selber auch ein bisschen darauf achten, wenn man sich schon medial und öffentlich
    über die Rechtschreibung von Restaurants mokiert ;-)

    Antworten
    • Julien Walther (Trois Etoiles)

      Da ist mir etwas durcheinander geraten. Dort sollte eigentlich „Mittagessen“ stehen. Im Übrigen gibt es einen Unterschied zwischen Flüchtigkeitsfehlern (z. B. die von Ihnen im Kommentar vergessene Interpunktion) und denen von mir öffentlich monierten Fehlern. Dennoch danke für den Hinweis zu der Passage!

      Antworten
      • Torsten K.

        Irgendwie bekommt man ständig vor Augen gehalten, in welchem Land wir leben. Herrlich!! Gott sei Dank haben wir keine anderen Probleme! Ich frage mich schon, mit welcher Zielrichtung manche Menschen diesen Blog aufsuchen? Ein Interesse an der kulinarischen Ausrichtung kann es ja nicht wirklich sein.

        Lieber Herr Walther, nichtsdestotrotz wieder ein schöner Bericht. Der letzten Passage kann ich nur zustimmen. Eine hochwertige und zugleich ungezwungene Gastronomie für den Alltag, fehlt uns wirklich. Eigentlich kann es ja nur besser werden………

        Liebe Grüße aus München

        Antworten

Schreibe einen Kommentar

Einfaches HTML ist erlaubt. Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diesen Kommentar-Feed über RSS abonnieren