Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Le Coucou ‒ gebt mir Butter!

In der Lafayette Street in SoHo, Manhattan, Ecke Howard, in einem dieser schönen Gebäude mit einer Fassade aus hellem Ziegelstein und geschmackvoll kontrastierten, hohen schwarzen Fensterrahmen, befindet sich das Restaurant Le Coucou.

Es ist das erste Restaurant in den USA von Küchenchef und Mitinhaber Daniel Rose, der gebürtig aus Chicago stammt, sein gastronomisches Glück aber bisher in Paris gesucht hat (Spring, La Bourse et La Vie, Chez La Vieille).

Le Coucou ist vom ersten Moment an spektakulär. Hat man es durch diese typische New Yorker Eingangsschleuse mit straff eingestelltem Scharnier und schwerem Vorhang geschafft, steht man im Entrée eines großen, loftartigen Restaurants mit hohen Decken, noch mehr Ziegelsteinoptik und einem Bistro-Flair, das New York aus allen Poren atmet. Ich bekomme Gänsehaut, so großartig ist das. Allein für diese Art von Gastronomie lohnt sich für mich ein Flug über den Atlantik.

Etwas Wartezeit kann man im kleinen, heimeligen Barbereich überbrücken, um das kurzweilige Treiben zu beobachten und schon mal in der sehr umfangreichen Weinkarte zu blättern.

Am Tisch angekommen, darf man weiter staunen. Lange, spitz zulaufende Kerzen aus vergessenen Zeiten, genießende Gäste, die mit Brot die letzten Reste Sauce von ihren Tellern aufnehmen als gäbe es morgen nichts mehr zu Essen, und in der Küche, die offen an den Speisesaal anschließt, hantieren Köche mit langen Hauben und Kupfertöpfen am maßgeschneiderten Athanor-Herd. Ein Paradies, schon jetzt.

Die in Französisch mit englischen Untertiteln getextete Speisekarte ist eine Gemeinheit. Selten ist es mir schwerer gefallen, eine Auswahl zu treffen. Von den Hors d’œuvres und Gourmandises zu den Poissons et viandes wird man mit Zutaten und Zubereitungsarten konfrontiert, die sich wie eine Rezeptsammlung von Auguste Escoffier, Fernand Point und Paul Bocuse liest. Kalbsbäckchensülze mit Foie-Gras-Terrine; Hummersalat mit Sauce Lauris; Kalbsbries mit Estragon; Crépinette de volaille mit Foie Gras und Früchten; Hechtklößchen; Seezunge „Véronique“; Tout le lapin („der ganze Hase“); Rinderfilet mit Knochenmark und Ochsenschwanz, und, und, und.

Die erste Speise, die ich probiere, ist ein in Butter pochierter Rochenflügel, ultrazart und kühl serviert, mit einer grandiosen, reichhaltigen Paprika-Vinaigrette und Kapern (ca. € 15). Der Fisch ist saftig und aromatisch, die Süße der Paprika und das betörende Säurespiel der Kapern sorgen für viele kurzweilige Gabeln. Ein exzellenter Auftakt. — 7,5

live_helpWussten Sie schon? Meine Bewertungsskala orientiert sich am kulinarischen Niveau der Michelin-Sterne. Lesen Sie hier, was die Noten genau bedeuten.

Eine weitere Vorspeise mit zartgekochtem Lauch und frischen Haselnüssen (€ 11) ist vor allem in Verbindung mit einer weiteren hervorragenden Vinaigrette mit viel frischer Petersilie ein erneuter Hochgenuss. Das ist so simpel und dabei so viel besser als unzählige verkopfte Teller in so genannten Gourmetrestaurants. — 7

Die weitere Folge dieses Mahls zelebriere ich mit mehreren Gerichten, die gleichzeitig an den Tisch gelangen und einer Flasche 2008er Château Duhart-Milon (€ 200). Man muss die Feste ja auch feiern, wie sie kommen.

Quenelle de brochet (€ 28) ist ein Genussvergnügen der traditionellen Art. Der makellos gearbeitete Hechtkloß, dessen Herstellung Geschick bedarf, ist leicht wie eine Wolke, gleichzeig aber voller Wohlgeschmack. Serviert wird er in einer luftig aufgemixten bretonischen Hummersauce (sauce américaine), bei der man alle guten Dinge herausschmecken kann, von den gerösteten Krustentierkarkassen über die Schalotten bis zur guten Butter. Eine ausgelöste Hummerschere von makelloser Qualität und Garung ist weiterer Bestandteil dieses Schlemmertellers, den in Lyon jeder kennt. Jetzt auch in Manhattan. — 7,5

Schlemmerteller Nummer zwei besteht aus einem großzügigen Stück knusprig geröstetem Kalbsbries (€ 23) von tadelloser Zubereitung. Mitspieler sind etwas karamellisierter Radicchio sowie eine Sauce, die man durchaus als Hauptbestandteil des Gerichts verstehen kann. Die reichhaltige Sauce auf der Basis von Kalbsjus, Tomaten, Estragon und viel Butter, steht separat in einem großen Kupfertopf auf dem Tisch und ist himmlisch, cremig, fettig, herzhaft, wohlschmeckend. Ich halte in einer Hand den Topf, in der anderen das Stück Brot und komme erst wieder zu Sinnen als der Topf blitzblank ist. — 8

Ebenfalls großartig ist die Crépinette de volaille (€ 23), eine aus Lyon stammende Wurstzubereitung in Frikadellenform. Diese hier wird aus Geflügel, Foie Gras und Petersilie gefertigt und köstlich goldbraun fertiggebraten. Zieht man ein Stück davon durch den hemmungslos fettigen Saucenspiegel, verschwindet die „Spur“ wieder so schnell, dass man bei jedem Bissen denkt, es sei nur ein Traum gewesen. Eine Scheibe süße, karamellisierte Ananas passt perfekt dazu, und ein paar frische Kräuter verleihen dem Gericht eine weitere Illusion von Leichtigkeit. — 8

Und wer wäre ich, verzichtete ich bei so einem Essen auf ein Dessert?

Crêpe soufflé (€ 12) kommt heiß aus dem Ofen und wird mit einer Kugel (grenzwertig saurem) Zitroneneis serviert. Aus der Pfanne kratze ich die karamellisierten Zuckerkrusten und spüle sie mit offenem 2009er Château Lafaurie-Peyraguey (Glas € 8) hinunter. — 7

Mit diesem sagenhaften Restaurant wurde New York ein Restaurant geschenkt, das in allen Details glücklich macht. Eine scheinbar längst überholte, klassische französische Küche erstrahlt hier unter den eindrucksvollen Design-Kronleuchtern ‒ und unter dem Einsatz von hervorragenden Zutaten und elaboriertem Handwerk ‒ in völlig neuem Glanz. Sie macht glücklich, satt und süchtig. Ich könnte nur deswegen nach New York fliegen. Coucou, Michelin, wo sind die Sterne?

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Le Coucou (→ Website)
Chef de Cuisine: Daniel Rose
Ort: New York City, NY, USA
Datum dieses Besuchs: 07.03.2018
Guide Michelin (NYC 2018): empfohlen
Meine Bewertung dieses Essens (?): 7,5 (Was bedeutet das?)
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3 Antworten zu “Le Coucou ‒ gebt mir Butter!”

  1. DonAceto

    … wenn sooo viel Begeisterung für „klassische französische Küche“ nötig wird, dann staune ich und frage: warum?
    … mich erinnert das sofort an Brot, das nun landauf landab „plötzlich und unerwartet“ wieder „aus besten natürlichen Zutaten“ mit langer Teigführung und wenig Hefe von Profis und Hobbybäckern gebacken wird … und sofort wieder zu einem „ICH backe die größten Löcher mit dem geringsten Hefeanteil“ führt, als ob die Welt neu erfunden werden müsste …
    … JEDE Zutat – mit Zeit und Liebe (bestenfalls noch mit ein wenig Kreativität) zubereitet – war schon immer „der Genuss“, der jedoch weder Flüge nach New York noch ein hohes Budget benötigt …
    … es möge gut tun…

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