Ein Blog über die kulinarischen Abenteuer eines Essverrückten

Tourniert: La Vallée Verte, Herleshausen

Ins tiefste Hessen, in unmittelbarer Nähe von keiner größeren Stadt, verschanzt es mich im ausklingenden Sommer. Der Ort Herleshausen liegt günstig, um Freunde zu treffen. Wir planen eine Landpartie mit gutem Wein, gutem Essen und wenig Auslauf.

Wegen der „Relais & Châteaux“-Mitgliedschaft des Hotels Schloss Hohenhaus und des Michelin-Sterns des Hausrestaurants La Vallée Verte wurde ich auf das Haus aufmerksam.

Das Essen abends im (unklimatisierten) Restaurant ist gar nicht mal schlecht, aber die gesamte Gastronomie ist, um es vorsichtig auszudrücken, sehr provinziell. An einem Nachbartisch herrscht betroffenes Schweigen, an einem anderen wird geflüstert und mit spitzen Lippen genossen. Gute Laune sieht anders aus. Einer heiteren Tischgesellschaft, die gerne auch Weißwein aus großen Zalto‑Gläsern trinkt und mit dem Rotwein nicht bis zum Hauptgang warten möchte, scheinen die Kellner auf jeden Fall zum ersten Mal zu begegnen.

Das Essen ist konzeptionell insoweit spannend, als Küchenchef Peter Niemann regionale Produkte mit seiner Leidenschaft für die Bretagne kombiniert. Wenn das klappt, fällt das so gut aus wie bei einer bretonischen Makrele, deren Filets in einer heißen Hühnerbrühe nachgaren, die durch sehr intensives Einkochen nach Leidenschaft am Handwerk schmeckt (7). Ein Kaisergranat, der unter der Fantasiebezeichnung „Langustino“ und auf grünem Spargel serviert wird, ist dagegen hoffnungslos übergart (5). Den Fehler hätte man, bei Interesse, leicht durch neues Zubereiten des Gangs nachbessern können, aber es wird gleich weiterserviert.

Eine klare Hummersuppe ist auch nur mäßig besser, da sie einen dürftigen Hummer von wässriger Konsistenz beinhaltet und ihr ein strenges Amaretto-Aroma innewohnt. Die Website des Restaurants hebt skurrilerweise hervor, dass im Restaurant „fehlerhafte oder minderwertige Produkte […] umgehend auffallen“ würden. In diesem Fall offenbar nur dem Gast. — 6

Das stimmigste Gericht ist eine Variation um violette Artischocke (von der Île de Batz). Verschiedene Texturen (Suppe, Püree, gebraten) bringen das gute Produkt mit Spannung zur Geltung, während die Kombination mit Salzzitrone für einen appetitanregenden Kontrast sorgt. — 7

Weitere Speisen, darunter auch der Hauptgang mit geschmorter Kalbsbacke, Bries und Karotten, sowie verschiedene Desserts, kratzen soeben an dem attestierten Ein-Stern-Niveau. Leider ist der Service teilnahmslos, unerfahren und nicht einmal besonders charmant.

In Summe fällt auf, dass für ein derart kleines Restaurant mit geringer Gästeanzahl zwei äußerst umfangreiche Menüs angeboten werden (jeweils fünf bis neun Gänge, € 109‒€ 184), die es der Küche nicht ermöglicht, sich auf Wesentliches zu konzentrieren. Die Passion des Küchenchefs für die Bretagne käme bei einem fokussierteren Menü und einer dramatischen Reduktion der Komponenten zweifellos besser zur Geltung.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: La Vallée Verte (→ Website)
Chef de Cuisine: Peter Niemann
Ort: Herleshausen, Deutschland
Datum dieses Besuchs: 24.08.2019
Guide Michelin (D 2019): *
Meine Bewertung dieses Essens (?): 6,9 (Was bedeutet das?)
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5 Antworten zu “Tourniert: La Vallée Verte, Herleshausen”

  1. Alexander Eichener

    Da ich selbst im September dort aß: die Weinkarte ist nicht übergroß, aber bemerkenswert liebevoll zusammengestellt und überaus gastfreundlich bepreist. Einen einige Jahre gereiften Scharzhofberger von Egon Müller gab es dort unter dem aktuellen Marktpreis, nix mit Faktor… und große weiße Burgunder kann man ja auch woanders trinken. ;-)

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  2. Tobias Treppenhauer

    Danke für das neue Kurzformat! Nur eine Anmerkung: „In unmittelbarer Nähe von keiner größeren Stadt“ stimmt in Bezug auf Hessen zwar schon, doch liegt das Restaurant nur 20 km vor den Toren der Lutherstadt Eisenach. Das ist ja schon recht „unmittelbar nah“ ;-)

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  3. Thomas Pfaffendorf

    Das attestierte fehlende „Interesse“ erkennt man beim Kaisergranat – außer an der Reaktion auf einen sicherlich erfolgten Hinweis auf den mangelhaften Gargrad – auch an der ungenauen Präparation des Krustentieres…schade.
    Waren denn adäquate Weine verfügbar?

    Viele Grüße, Thomas P.

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    • Julien Walther (Trois Etoiles)

      Die Weinkarte ist klein, mit einem Fokus auf Deutschland und Bordeaux. Skurrilerweise werden Jahrgang und Preis bei jedem Wein per Hand eingetragen, was seltsam ist, da man die Liste ohnehin jedes Mal neu ausdrucken muss. Meine Wahl fiel auf einen 2012er Chardonnay*** von Knipser (€ 80) und einen 2006er Château Duhart-Milon-Rothschild (€ 115).

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