Tourniert: Neues aus Hamburg

Machen wir uns nichts vor: Hamburg bleibt Hamburg, und man muss schon sehr genau wissen, wo man in kulinarischer und gastronomischer Hinsicht seine Zeit und sein Geld investieren möchte. Viel tut sich hier nicht, aber manches eben doch, und über einige aktuellere Restaurants möchte ich hier berichten.

Ein größeres gastronomisches Problem in der gesamten Stadt bleibt der kaum vorhandene Anspruch an Wein – sowohl aufseiten der Gäste als auch der Gastronomen, wobei vermutlich das eine das andere bedingt. Es wird stets von denselben Händlern gekauft; man stößt überall auf dieselben Weine – wenn es überhaupt eine nennenswerte Weinkarte gibt.

Da Wein für mich zu einem genussreichen Abend gehört, habe ich das Thema längst so hoch priorisiert, dass ich Restaurants ohne gute Weinkarte entweder gar nicht erst besuche oder meinen Wein selbst mitbringe. Dieses Prinzip ist in anderen Ländern viel gängiger als bei uns – auch in Restaurants mit guter Weinauswahl – und stößt in Deutschland zuweilen immer noch auf große Fragezeichen: Wie hoch soll das Korkgeld sein? Geht das überhaupt? Von den Blicken anderer Gäste einmal ganz abgesehen, wenn ich meinen eigenen Korkenzieher aus der Tasche hole.

Aber es gibt immer wieder Ausnahmen – auch in dieser Ausgabe von Tourniert.

Im Einzelnen:


Pinot Bistro

Nachdem wir Gäste nach wie vor an dem Trauma leiden, das uns der Wegfall der Weinbar nullkomaeins beschert hat, füllt das Pinot Bistro ein kleines bisschen diese Lücke. Nicht ganz so ungestüm, auch nicht allzu hipstermäßig, aber dennoch mit sehr inspirierender Weinkarte und ähnlich konzipierten Tellergerichten. Am Anfang kochte hier sogar einer der Köche aus dem nullkommaeins. Das legendäre Frühjahr 2025 lag im Pinot Bistro also von Anfang an in der Luft.

Besonders charmant ist die Lage: Das Lokal befindet sich direkt am Rathausmarkt, wo jahrzehntelang nur fragwürdige Kioske ihr Dasein gepflegt haben.

Man sitzt entweder innen an einem kleinen Tresen aus Edelstahl oder, bei gutem Wetter, draußen mit Blick auf Rathaus, Alsterarkaden und Touristen. Das ist sehr kurzweilig und verleitet schnell dazu, einen Blick in die sorgfältig kuratierte Weinkarte zu werfen. Meine Favoriten zum Start waren hier z. B. schon ein Champagne Le Mont Chainquex 1er Cru »Les Mesneux« von Elise Bougie (160 €) oder ein 2023er Meursault »Les Corbins« von Vincent Dancer (120 €).

Die Gerichte und Snacks, diverse davon unter zehn Euro, bereiten alle bereits auf der Karte große Laune. Ich bestelle einmal alles und gelange wenig später in den Genuss von Rollmops (5 €), Chorizo vom Iberico-Schwein (10 €), enorm guten Sardellen von Don Bocarte und etwas Käse (9 €).

Richtig fein wird es mit französischen Weinbergschnecken in einem luftigen Bärlauchschaum mit etwas Chili (15 €) – filigran und doch würzig, sehr fein balanciert, das könnte man auch in einem Sternerestaurant auftischen.

Auch weißer Spargel mit appetitlichen, goldbraunen Grillspuren, Krabben und Forellenkaviar (19 €) ist ein Gericht, das glücklicherweise noch ein weiteres Mal auf dem Tresen steht.

Es geht noch weiter: knackige Erbsen (12 €) mit Tofu und Crispy Chili, stundenlang geschmorte short rib (25 €) mit Thai-Chili und Koriander, schelmisch gute Käsekrainer mit Jalapeño-Marmelade (9 €) – und so weiter.

Dazu noch ein 2023er Pommard »Les Perrières« von Vincent Dancer (125 €) und ein 2022er Morey-Saint-Denis 1er Cru »Aux Charmes« von der Domaine Didier Amiot (142 €), und der Abend ist gerettet, ohne dass es jemals etwas zu retten gab.

Informationen zu diesen Besuchen
Restaurant: Pinot Bistro (→ Website)
Ort: Hamburg, Deutschland
Datum dieser Besuche: 22.05.2026, 12.06.2026
Guide Michelin (Deutschland 2026):
Meine Bewertung dieser Essen: 6,9 (Was bedeutet das?)
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Two Alphas

An der Wasserseite der Großen Elbstraße, Höhe Van-der-Smissen-Straße, reihten sich schon immer ein paar Fischhändler neben einfache Restaurants und Imbisse. Im Jahr 2022 wurde ein solcher, nicht weiter nennenswerter Italiener durch ein Restaurant namens Open Kitchen ersetzt. Das ging zwar an mir vorbei, aber es heißt, dass ein junges Gastronomenpaar dort deutlich ambitionierter kochte als der italienische Vorgänger.

Der Laden an der Elbe ist inzwischen auch Geschichte. Das neue Lokal von Tobias Struck und Marie-Louise Becker befindet sich jetzt im Stadtteil Hamburg-Eimsbüttel. Es heißt Two Alphas und hat nur fünfzehn Plätze; die kleine Küche ist von überall aus einsehbar. Ein großer Hund ist auch Teil des Inventars – sehr lieb, aber eindeutig fehl am Platz.

Auf der Speisekarte begegnen sich Backfisch-Popcorn mit Kimchi-Mayonnaise, Lachs-Sashimi mit Ponzu und brauner Butter, Chorizo mit Papaya sowie Cordon bleu mit Trüffel und grünem Apfel, kurzum ein eklektischer Mix aus europäischer Wohlfühlküche, Japan und Südostasien. Mit genauso vielen Freunden wie eigenen Weinflaschen ausgestattet, starte ich in den Abend frei nach dem Motto: Wir essen alles, und die Küche soll entscheiden.

Wenig später stehen zwei Etageren auf dem engen Tisch. In die Höhe zu bauen, verleiht selbst Platznot einen Hauch von Grandezza.

Das Lachs-Sashimi (14 €) ist lauwarm temperiert und kommt mit einer buttrigen, warmen Ponzu-Sauce, in der der Lachs noch etwas nachgart; Backfisch mit Kimchi-Mayo, Passionsfrucht und Frühlingslauch (12,50 €) ist knusprig, heiß und mit appetitlicher Säure ausgestattet.

Das macht alles Spaß, wenngleich etwas weniger Experimentierfreude der Küche stellenweise mehr Richtung geben könnte. Eine Erdbeer-Peperoni-Salsa will beispielsweise nicht ganz zu saftigen Mairübchen (9,50 €) passen. Schmackhaft ist das dennoch.

Die Hauptgerichte fallen durch mehr Fokus auf. Ein Filetstück vom Lachs mit Teriyaki-Sauce (22,50 €) ist besonders saftig gegart. Zusammen mit gegrilltem Römersalat und »Nussbuttercrunch« bedient das Gericht die gegenwärtig beliebten Reize aus Umami, Süße, Säure und knusprigen Elementen.

Das Cordon Bleu mit Trüffelschaum für ambitionierte 26,50 € ist auch gut: heiß und knusprig, im Kern saftig zerfließend, ohne ins Klischeehafte abzurutschen; sogar das Trüffelaroma ist akzeptabel eingebunden, weil es von einer appetitlichen Säure ausbalanciert wird.

Sehr gut zum Abschluss, unter anderem, ist dann noch einmal ein »Tira-Miso« (9,50 €), das den italienischen Dessert-Klassiker um eine umamisüße Sweet-Miso-Note erweitert.

Ein wenig mehr kulinarische Richtung dürfte das alles bekommen, aber der sympathische Service und eine rundum gute Stimmung machen den Abend zu einem gelungenen.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Two Alphas (→ Website)
Chef de Cuisine: Tobias Struck
Ort: Hamburg, Deutschland
Datum dieses Besuchs: 23.06.2026
Guide Michelin (Deutschland 2026):
Meine Bewertung dieser Essen: 6,5 (Was bedeutet das?)
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Chefs Warehouse Hamburg

Ich war zunächst etwas skeptisch, als ich davon hörte, dass das in Südafrika populäre Konzept, das mich dort einst wenig beeindruckte, jetzt auch seinen Weg nach Hamburg gefunden hat. Aber was Gastronomin Lina Koch hier mit offenkundig signifikantem Investment auf die Beine gestellt hat, beeindruckt, sobald man durch die Pforten des komplett sanierten »Kesselhauses« in der HafenCity tritt.

Das Ambiente mit viel Industriecharme wirkt so überzeugend kosmopolitisch wie nur wenige andere Restaurants in Hamburg. Über zwei Etagen verteilen sich Sitznischen, lange Tafeln, Einzeltische, Bänke und Barplätze für mehrere hundert Gäste. An den beiden Abenden, an denen ich hier bin, scheint diese ambitionierte Dimensionierung sogar aufzugehen: Das Restaurant wirkt lebhaft und gut besucht.

Die Vermutung, dass eine mittelmäßige Küche am besten zu alledem passt, wäre – für Hamburg – naheliegend. Aber sie trifft nicht zu.

Schon die irischen Austern, etwa mit vietnamesischem Dressing, Chili und süffigen Röstzwiebeln oder mit Tamarinde, Kokosnuss, Koriander und Apfel (je 6 €), gefallen durch ihre exotischen Aromen, die richtige Temperatur und eine gute Produktqualität.

Mehrere cevicheartige Gerichte, wie ein Hamachi-Crudo mit würzig-säurebetontem Tom-Kha-Dressing, Gurke und Shiso (26 €) oder ein Kingfish-Crudo mit Ponzu, Grapefruit, Jalapeño und Koriander (23 €), sind qualitativ wie geschmacklich sehr gut. Es gäbe hier viele Details, von Produktqualität über Temperatur bis zur Komposition an sich, die man nachlässiger umsetzen könnte, ohne dass es wohl viele Gäste stören würde.

Auch beim Fleisch macht man alles richtig, z. B. beim zarten Schweinebauch mit Minze und Frühlingslauch, den man zu einem Pomelo-Salat serviert (25 €), oder beim Nordic Beef mit Knochenmark, Kartoffelpüree, Charcuterie-Sauce und Kräutern (56 €). Dass man nicht nach dem Gargrad fragt, sondern das Fleisch einfach perfekt medium rare serviert, ist nicht selbstverständlich. Es sind solche Nuancen, die dieses durchaus trendige Großrestaurant über jene Häuser hinausheben, bei denen Ambiente und Auslastung bereits als hinreichender Qualitätsnachweis gelten.

Man kann sich hier jedenfalls ohne Genusseinbußen durch die Speisekarte probieren. Ausnahmsweise überzeugt hier sogar die Weinkarte, die bspw. mit Flaschen wie einem 2023er Saint-Aubin 1er Cru »Les Frionnes« von Hubert Lamy (165 €) oder einem 2020er Pommard 1er Cru »Les Rugiens« von der Domaine Yves Clerget (270 €) einiges zu bieten hat.

Informationen zu diesen Besuchen
Restaurant: Chefs Warehouse Hamburg (→ Website)
Chef de Cuisine: Eric Kröber
Ort: Hamburg, Deutschland
Datum dieser Besuche: 05.06.2026, 09.07.2026
Guide Michelin (Deutschland 2026):
Meine Bewertung dieser Essen: 6,9 (Was bedeutet das?)
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Chez Lexi

Französische Bistros sind in Hamburg schon lange Teil der Gastro-Szene. Institutionen wie Le Plat du Jour und Café Paris sind seit Jahrzehnten populär – qualitativ ist das alles etwas in die Jahre gekommen. Mit dem dänischen Franchise Bouillon, das über Social Media gerade aggressiv mit Kostenführerschaft wirbt, hat Hamburg einen weiteren Marktteilnehmer bekommen. Ich hatte meine Reservierung dort neulich wieder storniert, weil die Weinauswahl desolat und das Mitbringen eigener Weine nicht erwünscht ist (selbst nicht zu einem Korkgeld, das die Flaschenpreise dort übersteigt).

Gut, dass es jetzt Chez Lexi gibt. In dem Restaurant – eher gehobenes Nachbarschaftsrestaurant als klassisches Bistro – präsentiert der junge Gastronom Alexis Höpfl seine Version von französischer Küche in einem entspannten, zeitweise auch leicht förmlichen Ambiente. Ein Zufall brachte ihn mit Küchenchef Gjergj Ahmeti zusammen, der einst fünf Jahre unter Thomas Martin im Jacobs Restaurant kochte.

Wie sehr diese Besetzung dem Restaurant eine eigene kulinarische Identität verleiht, zeigt sich auf jedem Teller. Roh marinierter Thunfisch mit Zitronenvinaigrette (26 €) ist angenehm kühl temperiert und bringt ein cevicheartiges Säurespiel auf den Teller. An einem anderen Abend bereitet bereits das Amuse-Bouche aus rohem Wolfsbarsch, Gurke und Zwiebeln mit seinem saftigen Fisch und seiner kühlen Frische auf ähnliche Weise Freude.

An gleich zwei Abenden bestelle ich die gebratenen, ansprechend bissfest gegarten Artischockenherzen mit Taggiasca-Oliven, Parmesan und einem lauwarmen Tomatensud mit Thymian (16 €). Das Geschmacksbild bleibt zwar recht homogen, besitzt aber eine angenehm einnehmende Wärme und Würze.

Steak frites mit Entrecôte (42 €) – ein Gericht, bei dem man in dieser Stadt mit bemerkenswerter Zuverlässigkeit über Mittelmaß stolpert – serviert man hier treffsicher medium rare gebraten. Dazu kommen auffällig gute, doppelt frittierte Pommes frites, ein sehr gut abgeschmeckter, angenehm säurebetonter Salat und eine perfekte Béarnaise. Wer das Saucenhandwerk im Jacobs gelernt hat, weiß eben, was er tut. Auch dieses Gericht lasse ich bei keinem meiner Besuche aus – es ist schon Grund genug, hier zu reservieren.

Die Weinkarte ist noch im Aufbau, aber mit etwas Bring Your Own im Gepäck lässt sich auch dieses Thema in den Griff bekommen.

Ich probiere an den beiden Abenden noch einiges mehr, alles auf einem Niveau, das eine neue Antwort auf die Frage liefert, wo man in Hamburg derzeit mit am besten französisch essen kann: Chez Lexi.

Informationen zu diesen Besuchen
Restaurant: Chez Lexi (→ Website)
Chef de Cuisine: Gjergj Ahmeti
Ort: Hamburg, Deutschland
Datum dieser Besuche: 03.07.2026, 11.07.2026
Guide Michelin (Deutschland 2026):
Meine Bewertung dieser Essen: 7 (Was bedeutet das?)
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Kimdo Weinbar

In Hamburg-Winterhude hat letztes Jahr eine unscheinbare Weinbar eröffnet, die von einem ehemaligen Musikerpaar betrieben wird – er Deutscher, sie Koreanerin. Beide teilen offenbar eine Leidenschaft für gute Weine und gutes Essen, denn beides findet man hier, wenn auch in einem etwas sachlichen Ambiente.

Zu einem 2022er Morey-Saint-Denis von der Domaine Dujac (150 €), die schon für sich betrachtet einen Abstecher hierher rechtfertigt – wie auch einige andere Trouvaillen auf der kompakten Karte –, bestelle ich ein paar Snacks. Ich erwarte zunächst nicht viel.

Doch ein Tempura von Garnelen (16 €) ist makellos umgesetzt: Die noch heiße Panierung umhüllt luftig-knusprig die qualitativ einwandfreien Garnelen. Auch Haemul Pajeon (12 €), ein koreanischer Frühlingszwiebelpfannkuchen mit Meeresfrüchten, lässt mich interessiert in Richtung Küche blicken, wer das wohl alles so gewissenhaft zubereitet. Es ist Frau Moon-Jung Kim persönlich, die meine Begeisterung sichtlich erfreut.

Ich bestelle noch ein paar weitere Speisen – alle so, dass man wiederkommen möchte.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Kimdo Weinbar (→ Website)
Chef de Cuisine: Moon-Jung Kim
Ort: Hamburg, Deutschland
Datum dieses Besuchs: 013.05.2026
Guide Michelin (Deutschland 2026):
Meine Bewertung dieser Essen: 6,5 (Was bedeutet das?)
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Menmo

Da hierzu doch deutlich mehr zu sagen war, als in eine Ausgabe von Tourniert gepasst hätte, liest man meinen Text über das Menmo in einem eigenen Bericht.