Da Vittorio – Schlemmen mit Lätzchen

Mit dem Namen Da Vittorio verbinde ich zwei meiner denkwürdigsten Restaurantbesuche der vergangenen zehn Jahre. Solch bleibende Eindrücke entstehen seltener durch komplexe Degustationsmenüs – häufig sind es scheinbar einfache Genussmomente, die sich einprägen: etwa die breiten Röhrennudeln in Tomatensauce hier im Da Vittorio in der Lombardei oder die »doppelte Ente« im Da Vittorio in Shanghai. Selbst dort hat die Familie Cerea inzwischen einen Außenposten etabliert – unter anderem.

Eine Kurzreise nach Nordostitalien widme ich daher auch einem Wiederbesuch des Stammhauses in Brusaporto. Das Hotel ist Mitglied bei Relais & Châteaux und in ganz Italien bekannt.

Wer hier ein paar Stunden in der gemütlichen Lobby verweilt, z. B. beim Stöbern in der Weinkarte und dem Öffnen einer ersten Flasche, bekommt mit, wie familiär es hier zugeht. Und lässt auch eine Vorstellung vom Publikum zu, das hier ein und auskehrt: Am Nachmittag schlendert eine Großfamilie aus dem Restaurant – die zwei jungen Töchter finden im dunkelblauen Ferrari Purosangue ihres Vaters mühelos auf den Rücksitzen Platz.

Der Speisesaal hat sich seit meinem letzten Besuch nicht merklich verändert. Doppelte Tischdecken, weite Tischabstände und bequem gepolsterte Stühle atmen zeitlose Eleganz, die keiner Veränderung bedarf. Hier sitzt man einfach gerne.

Neben vier Menüs (280–440 €), die nicht im Detail ausgeführt werden, gibt es auch eine À-la-carte-Auswahl mit gut einem Dutzend Gerichten. In dem Abschnitt halte ich mich direkt auf, denn kaum etwas bereitet mir in gastronomischer Hinsicht mehr Freude, als in einem klassisch geprägten Restaurant die Gerichte selbst zu wählen. Im Dialog mit dem netten und zahlreichen Service steht bald meine Auswahl.

Die Weinkarte ist umfangreich, mit Schwerpunkt auf italienische und französische Erzeugnisse. Neben Ikonen von Romanée-Conti und d’Auvenay zu fünfstelligen Preisen ist die Spanne an Jahrgängen, Erzeugern und Preisniveaus erfreulich hoch.

Parallel zu einem weißen 2020er Trebbiano d’Abruzzo von Valentini (230 €), der noch vom Nachmittag offen ist und am Tisch weitergetrunken wird – wir sind zu fünft – ist mir schon nach etwas Rotem. Ein 2021er Etna Rosso »Santo Spirito« von der Tenuta delle Terre Nere (135 €) bereitet mit seiner rauchig-steinigen Mineralität vom Ätna schon mal Laune.

Dazu erreichen erste Snacks den Tisch. Sie sind lustig präsentiert: in Pappschachteln. Darin findet man frittiertes Seafood, gedacht als Fingersnacks zum Teilen. Baby-Kalamares, Moeche (weiche Krebse, eine Spezialität aus Venedig) sowie winzige, im Ganzen frittierte junge Sardellen – dazu Dips »süß-sauer« mit Chili sowie Sardellencreme mit Basilikum – erheben keinen Anspruch auf große Küche. Stattdessen sind sie ein bewusst beiläufiger Einstieg, der zeigt, mit welcher Selbstverständlichkeit sich auch ein Drei-Sterne-Haus Leichtigkeit erlauben kann. (7/10)

Nach dem gestrigen Besuch im Le Calandre, das stellenweise Fragezeichen hinterlassen hat, bleibt mir zu diesem Auftakt nur der – zugegebenermaßen etwas schlichte – Gedanke: Endlich was Richtiges zu essen!

Der erste von mir gewählte Gang ist eine Lauch-Tarte mit Parmesan-Schaum und frisch gehobeltem Périgord-Trüffel von sichtbar exzellenter Qualität (70 €). Die viel unterschätzte Zutat Hitze ist ebenfalls Teil der Kreation. Der cremige Lauch ist mit einer Balance zwischen feiner Süße und Säure sehr präsent, getragen vom herzhaften Parmesan und ergänzt von den erdigen Noten des intensiven Trüffels. Die Kombination ist klassisch und eindringlich gut; in Summe hätte ich ein bisschen Säure gegen Umami tauschen wollen – dennoch großartig. (8,9/10)

Als Zwischengang bestelle ich klassisch ein Pastagericht. In der Speisekarte schlicht als »Maccheroni mit Gemüse und Muscheln« (80 €) beschrieben, findet man die bissfest gegarten Nudeln in einer dichten, heißen Sauce wieder, die – ihrem milden Aroma nach – genau auf den Zutaten basiert, die auch den Rest des Gerichts prägen: Muscheln und Kichererbsen. Letztere variieren sehr ansprechend den Biss der Pasta, die vom Hersteller Pastificio Vicidomini aus Kampanien stammt. (Entgegen vieler Vorstellungen wird getrocknete Pasta auch von Spitzenrestaurants selten selbst hergestellt, sondern sorgfältig ausgewählt und eingekauft wie andere hochwertige Produkte.)

Das Gericht ist handwerklich bemerkenswert. Der Gargrad der Nudeln, die präsente Hitze, die samtige Textur der Sauce: Man bekommt unweigerlich das Gefühl von Perfektion. Seltsamerweise ist das Gericht erstaunlich zurückhaltend gesalzen, was mir geschmacklich etwas fehlt – gerade auch, um das Maritime der Muscheln zu unterstreichen. Dennoch mehr als hervorragend. (8,5/10)

Es geht weiter mit geschmorter Ochsenbacke und Artischocke. Beide Protagonisten sind einzeln auf dem Teller platziert. Das Fleisch ist mit einer hellen und einer dunklen Sauce ummantelt; die Artischocke wurde mit einem Pesto überbacken und weist deutliche Grillspuren auf.

Vor allem die Artischocke setzt hier Akzente: intensive Aromen von Feuer und Rauch, dazu Salz, Cremigkeit und das kräuterige Pesto – das begeistert. Die zart geschmorte Ochsenbacke mit ihrer mürben, noch leicht strukturierten Textur wirkt dagegen etwas schwer und durch eine nur lauwarme Temperatur weniger präzise. Geschmacklich ist das mehr als bloß gelungen, nur die Schwere und die ausgerechnet hier fehlende Hitze setzen dem (immer noch sehr guten) Gang deutlich zu. (7,5/10)

Die Paccheri-Pasta (30 €), die auch Bestandteil jedes Menüs hier ist, löst eine kindliche Freude in mir aus – so schlicht, so gut, so einfach kann großer Genuss sein. Eine Emulsion aus feinem Olivenöl und verschiedenen Tomatensorten ummantelt die bissfest gegarten, breiten Röhrennudeln. Umami, Tomate, Cremigkeit und Biss vermengen sich zu einem Gericht, an das man sich immer erinnern wird.

Ich bekomme die Servierschüssel direkt auf den Tisch gestellt – sehe ich wirklich so gierig aus? Als charmante Geste bekommt man dabei noch ein Lätzchen umgebunden. Da sitzt man in einem Drei-Sterne-Restaurant, ein Lätzchen um den Hals und die Schüssel auf dem Tisch. Besser wird es nicht. (10/10)

Die Petits Fours und Pralinen lasse ich mir einpacken – ich habe immer gern ein kleines Frühstück auf dem Zimmer.

Ganz so groß wie meine vorherigen Besuche, einschließlich des Besuchs in Shanghai, war es heute nicht. Doch die absolute Wohlfühlatmosphäre und die von Grund auf ehrliche und herzerwärmende Küche lassen auch diesen Abend im Da Vittorio in bestem Licht erscheinen.

Informationen zu diesem Besuch
Restaurant: Da Vittorio (→ Website)
Chef de Cuisine: Enrico Cerea
Ort: Brusaporto, IT
Datum dieses Besuchs: 14.03.2026
Guide Michelin (Italien 2026): ***
Meine Bewertung dieses Essens: 8,5 (Was bedeutet das?)
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