Odo East Village – Tanz der Bonitoflocken
Aus Kagoshima stammt nicht nur berühmtes Rindfleisch, sondern auch Küchenchef Hiroki Odo, der 2012 von Japan nach New York übersiedelte. Nach verschiedenen erfolgreichen Stationen dort eröffnete er – vergleichsweise still – das Restaurant Odo im Flatiron-Bezirk, das seit 2023 mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet ist. Odo serviert dort ein klassisches, hypersaisonales Kaiseki-Menü.
Erst im Februar dieses Jahres eröffnete Odo einen Gegenentwurf zum Odo: das Odo East Village. Das Konzept: Kaiseki-Küche im Izakaya-Stil, eigentlich ein frevelhafter Widerspruch. Die streng choreografierte Kaiseki-Küche erlaubt in der Regel keine Auswahl durch den Gast, sondern folgt dem präzisen Konzept des Küchenchefs. Aber wir sind in New York. Wenn man hier nicht mit neuen Konzepten experimentieren darf – wo dann?
Das Restaurant ist ganz unscheinbar im Erdgeschoss eines Mehrfamilienhauses untergebracht. Meine Reservierung ist um 19:15 Uhr. Ich bin schon deutlich früher vor Ort, weil ich mein vorheriges, erstes Abendessen im Penny nicht zu sehr habe eskalieren lassen und nun trotz langsamen Schlenderns überpünktlich bin.
Kein Problem, mein Platz an dem kleinen Tresen wird gerade frei. Vierzehn Plätze ziehen sich U-förmig um einen schmalen Arbeitsbereich – das pulsierende Herz des Restaurants, von dem aus die Getränke und Speisen serviert werden und ein Koch konzentriert den Holzkohlegrill bedient.
Es ist angenehm quirlig hier – und kosmopolitisch. Menschen von nah und fern kommunizieren lebhaft untereinander und mit dem Personal. Die Gäste agieren mit einer Selbstverständlichkeit, als gehörte ein Ort wie dieser zu ihrem Alltag. Kein Zögern, kein Abtasten – eher der Eindruck langjähriger Stammgäste. Dabei ist das Restaurant gerade einmal zwei Monate alt.
Ich bestelle ein Glas 2023 Pouilly-Fuissé 1er Cru »Les Perrières« von der Domaine Daniel Pollier (25 $ netto, ca. 23 € brutto) – nichts Großes, aber das Richtige, um mein Hauptaugenmerk der Speisekarte zu widmen. Und die hat es in sich.
Acht Kategorien mit jeweils mehreren Gerichten bieten nicht nur Vielfalt, sondern zunächst auch Orientierungslosigkeit. Wie viel soll man bestellen? (So viel man will.) Bestellt man aus der Rubrik Sakizuke (Vorspeisen) mehrere? (Warum nicht?) Die Gerichte unter Yakimono (vom Binchotan-Grill) klingen auch alle gut – wie soll ich mich entscheiden? (Wie auch immer.) Wählt man überhaupt aus jeder Rubrik? (Das ist die Idee.)
Im Gespräch mit dem Service, der sämtliche neunzehn Speisen im Schnelldurchlauf beschreibt, nähere ich mich einer Auswahl. Irgendwann steht sie, und eine Mischung aus positiver Anspannung und Vorfreude bereitet mir Appetit.
Eine erste Einstimmung in Form eines sehr heißen Süppchens auf Dashi-Basis mit viel Schnittlauch und Reisbrei (Okayu) schießt mich direkt nach Japan – klar im eleganten Umami, präzise in der Hitze, reduziert aufs Wesentliche. (8/10)
Als meine Gänsehaut von dem wohligen Süppchen gerade abklingt, gelangen meine beiden Appetizer auf den Tisch.
Ohitashi (9 $) kommt als in Dashi marinierte, gehäutete Tomate, überzogen von würzigem Tosazu-Gelee, dazu, fein geschnitten, reichlich Shiso und Rettich. Kühl serviert bringt die Kreation Frische, Saftigkeit, eine leichte Rauchnote, eine feine Würze und beinahe transparentes Umami. Zum Durchatmen. (7,5/10)
Ebenfalls kühl serviert wird ein kleines Schälchen mit Streifen vom Tintenfisch, Frühlingszwiebeln und Tofuhaut, angemacht in einer Miso-Essig-Sauce – eine Nuta genannte Zubereitung (10 $). Erdnussbrösel bringen einen leichten Crunch und setzen einen nussigen Kontrapunkt zur süß-säuerlichen Würze der Komposition. Hervorragend. (7,9/10)
Mit Mukozuke (14 $) folgt der Sashimi-Gang, der in einem formalen Kaiseki-Menü in der Regel extreme Präzision bei Schnitt, Temperatur und Textur zur Schau stellt (neben der Qualität, die sich von selbst versteht). Auch hier treibt man es auf die Spitze. Es gibt Akami, den mageren Teil, und Otoro, den fettigsten, vom Blauflossenthun, serviert mit Iwanori, einer würzigen Zubereitung aus dunkler Meeresalge und frischem Wasabi. Die grandiose Qualität des Fischs, die präzisen Schnitte und perfekten Dimensionen: all das ergibt jenes Umami, das man nur in der japanischen Küche findet. Dazu die dunkle, geheimnisvolle Alge und der kurzlebige Schärfekick vom Wasabi hieven diesen Gang auf ein Weltklasseniveau. (9/10)
Die Atmosphäre könnte derweil nicht gelöster sein. Der lebhafte Geräuschpegel, das appetitlich zu beobachtende Handwerk am Grill, der barähnliche Charakter – das kleine Restaurant ist schon ein Favorit von mir in dieser Stadt voller gastronomischer Perlen.
Ich bestelle inzwischen Sake glasweise (ohne Notizen).
Auf das eigentlich nun folgende Wanmono, den Suppengang, verzichtete ich bei meiner Bestellung, weswegen es nun mit dem Yakimono weitergeht, den Speisen vom Binchotan-Grill.
Meine erste Wahl fiel auf den Fisch des Tages (28 $), in diesem Fall Amadai (Ziegelbarsch). Gleich zwei Stücke des exquisiten Fischs liegen saftig gegart auf dem Teller. Goldbraune bis punktuell schwarze Farbakzente auf der akkurat eingeritzten Haut zeugen von seiner Zubereitungsart über dem Feuer. Begleitet wird der Fisch ganz puristisch von zwei Stücken Süßkartoffel, die überraschend floral schmeckt; die Zitrusfrucht Limequat ziert ebenfalls den Teller, zum eigenen Akzentuieren. Die Präzision der Garung, die erstaunlichen Aromen der Süßkartoffel, die stimmige Zitrusfrucht: all das ist das Ergebnis gewissenhaften japanischen Handwerks. (8/10)
Der zweite Gang vom Grill kommt mit Shiitake-Pilzen, Schnittlauch, Ingwer und weiteren Gewürzen (12 $). Katsuobushi – Bonitoflocken – wurde zusätzlich über den Teller gegeben. Die leichten Fäden bewegen sich über dem Teller, als seien sie lebendig. In der aufsteigenden Wärme beginnen sie regelrecht zu tanzen.
Die Shiitake-Pilze sind bemerkenswert saftig, mit klarem Biss statt der sonst häufigen Zähigkeit. Die begleitenden Zutaten bringen Frische und würzige Tiefe ins Spiel; eine Ponzu-Sauce setzt einen zitrischen, leicht salzigen Akzent, und eine deutlich präsente Schärfe bringt Spannung. Das ist weiterhin hervorragend. (8/10)
Aus der Rubrik Takiawase (etwa: in Dashi geschmort) wählte ich Kuzu Tofu, eine geleeartige Zubereitung aus Kudzu-Stärke, serviert mit Hokkaido-Seeigel, frischem Wasabi und Shiso-Blüten in einem sehr heißen, leicht gebundenen Bonito-Dashi.
Alles hieran ist großartig: die bildhübsche Anrichtweise mit leuchtenden Zutaten; die aufsteigende Hitze, die maritime, frische und florale Aromen transportiert – und schließlich auch der Genuss am Gaumen. Die außen leicht krosse, etwas klebrige, aber innen ungemein zarte Textur des »Tofu«, der süßlich-jodige Seeigel, das leise Hintergrund-Umami vom Dashi und die frischen Akzente von Wasabi und Shiso erlauben es, ein paar Minuten in diesem Moment zu versinken und alles andere auszublenden. Bewegend! (10/10)
Nach diesem unerwartet ergreifenden Moment passt es, dass der nächste Gang etwas bodenständiger wirkt. Aber man darf sich nicht täuschen lassen: geschmorte Rinderzunge vom US-Wagyu mit Miso, Rotweinreduktion und Kartoffelpüree (18 $) hat zwar allen Anschein eines zünftigen französischen Bistro-Gerichts. Doch das Miso bringt eine andere Tiefe ins Spiel, mit weniger Wucht, mehr Präzision, begleitet von einer feinen, unaufdringlichen Süße. Das Genussniveau fließt, wenngleich das Gericht dennoch einen Hauch »gemütlicher« wirkt – im besten Sinn. (7,5/10)
Die letzte Speise, die ich hier genieße, folgt der Kaiseki-Tradition des Shokuji, der abschließenden »Mahlzeit« des Menüs, die oft aus Reisgericht, Misosuppe und Gemüse besteht. Da man die Tradition hier eher als Richtschnur sieht statt als Verpflichtung, gibt es nur den Reisgang. Der kommt mit weich gezogenem Omelett, Aosa-Alge und einer weiteren Portion Hokkaido-Seeigel (20 $). Abgesehen von dem immer begeisternden Uni ist es hier vor allem die fein duftende Alge, die mit einem grasigen, »grünen« Geschmack als Zutat besonders verblüfft. Ein wohltuendes, harmonisches Gericht in bemerkenswerter Ausführung. (7,5/10)
Auf das Dessert (Kanmi), eine Eisspeise, verzichte ich und lasse den Abend noch mit dem Rest eines einfachen Pinot Noirs von Joseph Faiveley (23 $) ausklingen. A propos: Die renommierte Bar Superbueno ist hier gleich in der Nähe. Einen guten Drink werde ich noch brauchen, um das gerade Erlebte zu verdauen. What a night!
| Informationen zu diesem Besuch | |
|---|---|
| Restaurant: | Odo East Village (→ Website) |
| Chef de Cuisine: | Koji Toyoda |
| Ort: | New York City, USA |
| Datum dieses Besuchs: | 30.03.2026 |
| Guide Michelin (New York City 2025): | noch nicht bewertet |
| Meine Bewertung dieses Essens: | |
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