Tourniert: New York ohne Tischtuch
Von Williamsburg in Brooklyn bis zum Flatiron District an der 21st Street: In New York habe ich vor kurzem einige Restaurants besucht, die manch einer vielleicht nicht sofort meinem üblichen Beuteschema zuordnen würde. Lässig, informell, vergleichsweise günstig – und oft ohne Michelin-Stern. Doch weit gefehlt. Ich schätze wenig mehr als Restaurants, die unkomplizierte Atmosphären mit wirklich gutem Essen verbinden – eines der größten Mankos in Deutschlands Gastronomielandschaft und daher für mich immer auch eine Reise wert.
Im Einzelnen:
The Four Horsemen, Brooklyn
Coqodaq, Flatiron District
Penny, East Village
Rezdôra, Flatiron District
Thai Diner, Nolita
The Four Horsemen
Dass das Restaurant – eigentlich eine Weinbar – mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet ist, habe selbst ich vergessen, bevor mich das Schreiben dieser Zeilen wieder daran erinnerte. Viel zu unauffällig, viel zu unaufgeregt präsentiert sich der Laden im Erdgeschoss eines unscheinbaren Backsteingebäudes in Williamsburg.
Das Weltstädtische, das mir sofort auffällt, ist, dass man sich hier – trotz aller Coolness und Begehrlichkeit – nicht allzu wichtig zu nehmen scheint. Statt arrogantem Hipstertum herrschen Freundlichkeit und professionelle Selbstverständlichkeit.
Zu einem ersten offenen Glas Wein, zu dem der Sommelier rasch ein paar weitere Probiergläser stellt, bestelle ich erste Speisen von der kompakten Mittagskarte.
Magerer, aber dennoch mit viel Schmelz und Umami (und Schnittlauch) versehener Blauflossenthun liegt auf einem luftigen gnocco fritto, dazwischen ein Jalapeño-Relish (24 $). Das begeistert gleich zum Auftakt.
Ein Spieß mit gegrilltem Tintenfisch, serviert mit einem leicht pochierten Eigelb in einer Sauce mit Pimentón de la Vera und Haselnuss (26 €) spielt danach so gekonnt mit Süße, Würze und Schärfe, dass ich kurz davor bin, das gleich noch mal zu bestellen.
Ein Gedicht ist auch ein mit einer knusprig-cremigen Farce gefüllter Shiitake-Pilz (28 $), heiß und umami, der in einem luftigen Blätterteiggebäck in einer würzigen Vadouvan-Sauce serviert wird.
Ein weichgekochtes Ei mit gezupftem Fleisch von der Blaukrabbe (34 $) in einer umamitiefen Braune-Butter-Sauce mit Garum-Salz – sehr gut – begleite ich noch mit einem knackfrischen Erbsensprossen-Salat mit Estragon, Kerbel, Parmesan und einer appetitlich säurebetonten Vinaigrette. Dazu gibt es hervorragendes Baguette von einem Bäcker um die Ecke.
Ein solches Restaurant verlässt man am besten wehmütig, sehnsüchtig, satt und leicht beschwipst.
Coqodaq
Das Schwesterrestaurant des mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten koreanischen Steakhauses Cote heißt Coqodaq und hat die Nische »Fried Chicken und Champagner« besetzt. Darauf muss man auch erst mal kommen.
Hier dreht sich in kulinarischer Hinsicht alles um frittiertes Huhn, weswegen gleich im Eingangsbereich eine breite Front mit Waschbecken bereitsteht, um sich die Hände – natürlich vor dem Essen – zu waschen. Mir reicht zur Entkeimung mein Fläschchen Sterillium als unverzichtbarer Begleiter in jedem Restaurant.
Die Champagner-Karte ist eine der umfangreichsten der USA und wohl auch der Welt; ich bin heute Mittag jedoch glasweise unterwegs und starte mit einem Glas Telmont (30 $) und ein paar Kleinigkeiten von der Karte.
Austern mit Seeigel (9 $ pro Stück) könnten jetzt auch ein Seafood-Menü auf Spitzenniveau einläuten, aber eine kurz darauf servierte, 14 Stunden gekochte Hühnerconsommé stimmt den Gaumen dann genüsslich auf das ein, worum es hier geht: um ungeniert fettiges Huhn.
Unter dem Titel The Bucket List (46 $) fällt dann eine Art Menü, das man mindestens dann bestellt, wenn man hier zum ersten Mal speist.
Irgendwann ist der Tisch voll mit Tellern und Schälchen. Elegant aromatisierte eingelegte Gemüse und Kimchi weisen auf die koreanischen Wurzeln des Restaurants hin, dann aber geht es irgendwann nur noch um Huhn: frittiert, knusprig, saftig – und erstaunlich vielseitig.
Ein exzellenter Fenchelsalat (18 $), knackig frisch mit süffiger Kapernvinaigrette, wirkt im Rahmen eines ebenfalls servierten Salats mit Frühlingszwiebeln zwar redundant, aber ich hätte ihn nicht missen wollen.
Ebenfalls zum »Bucket« gehören eine Portion kalt servierter Capellini-Nudeln mit Perilla-Soja-Sauce sowie diverse Saucen für die Hähnchenteile: »CQDQ Verde«, Honig-Senf, Pfeffer-Parmesan und Gochujang-BBQ, von fruchtig-mild bis würzig-scharf. Zum Abkühlen dient ein samtig-cremiger Frozen Yogurt mit Zitrone. Dazu passt nur ein Getränk: Champagner.
Penny
Die New York Times platzierte dieses schlichte Restaurant im East Village an Platz 7 der 100 besten Restaurants 2025. Das Restaurant beherbergt nichts anderes als einen sehr langen Tresen, an dem man Seafood à la carte bestellt. Solche schlichten, fokussierten Konzepte begeistern mich auch, also nichts wie hin.
Ich bin gleich zur Öffnungszeit um 17 Uhr hier, zu einer Art selbstdefiniertem »Pre-Dinner« – ein Hack, um auf dieser Reise gleich mehrere Restaurants zum Abendessen besuchen zu können.
Die Atmosphäre ist voll New York. Der lange Marmortresen mit stimmungsvollen Tischleuchten, im Hintergrund weiß bemalter Backstein, dazwischen emsiges Personal – und wenige Minuten nach der Öffnung schon komplett besetzt. Die Weinkarte: kompakt, aber hervorragend, von der Domaine Valette bis zu Ramonet und Coche-Dury. Ich bleibe angesichts meiner Stippvisite bei etwas Glasweisem.
Kurz darauf kommt meine erste Bestellung. Pur servierte, intensiv maritim schmeckende Countneck Clams, eine Art Venusmuschel (3,95 $ pro Stück), sowie zitrusfrisch angemachte Stabmuscheln mit Kräutervinaigrette (18 $ das Paar) sind ein perfekter Start in den Abend.
Verschiedene, dünn aufgeschnittene Zitrusfrüchte in Olivenöl stellen für den nächsten Snack die erfrischende Grundlage für qualitativ auffällig gutes Sashimi vom Schnapper (28 $); und Scheiben von nur leicht angegrillter Makrele mit Pepperoni (23 $) beenden bereits das Mahl, das ich eigentlich gerade erst beginnen will.
Leider muss ich schon los, obwohl ich schon längst mit Tischnachbarn über New York, Reisen und feine Burgunder ins Gespräch komme. Aber das zweite Dinner ruft schon.
Rezdôra
Die wohl größte Dichte an exzellenten italienischen Restaurants findet man wohl in New York. Wenn sie dazu noch einen Stern haben, dann meist völlig zu Recht. Eine Reservierung im Rezdôra, nur wenige Gehminuten von meinem Hotel entfernt, verstand sich daher beinahe von selbst.
Das Restaurant liegt wenig attraktiv im Souterrain eines Wohnhauses. Bei den heute beinahe sommerlichen Temperaturen hätte ich mich mittags auf einer Terrasse oder zumindest mit mehr Tageslicht wohler gefühlt. Vielleicht auch deshalb bleibt es sehr leer.
Ich bleibe optimistisch und bestelle ein 2023er Glas Collio Bianco aus dem Friaul von Edi Keber (25 $), einen Appetizer und zwei Pastagänge.
Vorweg gibt es aufs Haus ein teigiges Appetizer-Trio: große, luftige Fladenbrote mit üppigen Portionen Mortadella und anderem Schinken belegt (Mortazza). Das ist nett gemeint, aber danach bin ich beinahe schon satt – einer der Gründe, warum ich ungefragte Zugaben meist schwierig finde.
Das geröstete Weißbrot mit Parmaschinken und Rucola (18 $) danach ist simpel, aber sehr gut – nur an dieser Stelle etwas mächtig und repetitiv. Beide Snacks sind ohnehin eher Gerichte zum Teilen oder um sie parallel zum Essen zu genießen. Die menüartige Servierreihenfolge wirkt daher etwas ungeschickt, weshalb ich schließlich selbst darum bitte, schon mal die Pasta zu servieren.
Strozzapreti mit Tomatensauce aus Emilia mit Hummer und Schnittlauch (34 $) liefern bodenständige Hitze, Struktur und authentisches Tomaten-Umami. Von Hummer und Schnittlauch schmeckt man wenig – an gerösteten Brotkrumen wurde dagegen nicht gespart, was etwas sandig wirkt. Das ist solide, aber ohne jene schwelgerische Tiefe, die solche Gerichte tragen kann. (6,9/10)
Garganelli mit gebratenem Prosciutto, Erbsen und Parmesancreme (28 $) kommen deutlich zu kalt auf den Tisch und schmecken außer nach Parmesan nach wenig. Auch der Pastabiss ist etwas drüber. Viel Liebe schwingt hier nicht mit. (6,5/10)
Die separat bestellten Maitake-Pilze mit Petersilie und Knoblauch (16 $) schmecken vor allem nach Letzterem und bereiten mit ihrer gummiartigen Konsistenz längst nicht so viel Freude wie der 2019 Langhe Rosso von Roagna im Glas (40 $). (6/10)
Auch wenn sich die Mittelmäßigkeit des Essens nicht mit dem Ambiente entschuldigen lässt, würde ich bei lebhafterer Stimmung, schummrigem Licht und reichlich Rotwein vermutlich durchaus noch einmal hier einkehren. Wenn alle Stricke reißen.
Thai Diner
In drei Stunden geht es los zum Flughafen: Zeit genug für einen frühen Lunch vor der Abreise. Meine Wahl fiel – bereits weit im Voraus – auf Thai Diner, die neueste Unternehmung von Ann Redding und Matt Danzer. Das in New York bekannte Gastronomen-Paar führte bereits bis zur Pandemie das besternte Thai-Restaurant Uncle Boons und weitere Konzepte.
Thai Diner sitzt markant an der Ecke Kenmare und Mott Street in Nolita und wirkt von außen wie eine Mischung aus klassischem New Yorker Diner und leicht heruntergekommener Südost-Asien-Bude.
Innen setzt sich das Diner-Feeling fort: viel Holz, viel Metall, diverse Separees und ein langer, geschwungener Tresen, an den ich mich setze. Um 11 Uhr vormittags habe ich noch freie Platzwahl.
Die Speisekarte – bunt und wirr gestaltet, inklusive vermutlich absichtlich verblichener Fotos einiger Gerichte – bietet dutzende Gerichte mit thailändischen Namen und englischen Zutaten. Ich bestelle ein bisschen drauf los.
Zu einem kühlen thailändischen Leo-Bier schmecken die Thai Disco Fries (14 $) – heiß und knusprig, mit Massamam-Curry, eingelegten Pfefferkörnern, roter Zwiebel, Erdnuss und Kokosnuss. Ein ganzes Bouquet thailändischer Aromen trifft hier verspielt auf knusprige Fritten. Das macht Spaß – und heizt ordentlich auf.
Mit Reis und grünem Curry gefüllte Venusmuscheln (18 $) kommen mit indischem Fladenbrot (Roti) und spielen das Schärfe-und-Hitze-Spiel schmackhaft weiter, auch, wenn die Muscheln hier fast nur Textur sind.
Das Essen eskaliert dann mengenmäßig noch ein wenig mit knusprigstem Crispy Snapper Raad Prik (29 $) in Form von betörend saftig gegartem Schnapper in knuspriger Panierung, dazu eine höllisch scharfe Fünf-Gewürze-Sauce mit Gurkensalat und Reis. Hitze und Schärfe gehen hier ineinander über – man versteht, warum es sich im Englischen um dasselbe Wort handelt. Mir kommen Schweißperlen auf der Stirn, meine Nase läuft, und ein zweites Bier muss her. Wunderbar.
Dann noch Kohl Thom Khaa, gefüllt mit Truthahn (!), Pilzen und Jasminreis und noch mal schärferer Nam-Jim-Chili-Sauce (26 $). Ein Medley an Hitze, Schärfe, süffigem Genuss und exotischen Aromen. Und nicht mehr schaffbar. Ich muss mich erst mal beruhigen. So gut war das.