New York City – 90 Stunden Genuss
New York ist für mich der Inbegriff für höchste gastronomische Vielfalt, für ein kompromissloses Aussieben von Mittelmaß und für nahezu unendlich viele Möglichkeiten, als Gast kulinarisch glücklich zu werden. Wer jetzt reflexhaft kontert, es gäbe auch viel Beklagenswertes, hat ebenfalls Recht (oder schlicht die falschen Läden aufgesucht). All das ist Teil der Vielfalt der Metropole schlechthin.
Auf meinem aktuellen Trip Ende März lege ich den Fokus ein bisschen mehr auf weniger große Namen – aber nur ein bisschen. Von Austern in Weinbars über fettige Finger von frittierten Hühnchenteilen bis zu dreifach besterntem Sushi habe ich während meiner neunzig Stunden vor Ort so viel erlebt, wie es so gebündelt und auf diesem Niveau wohl nur in dieser Stadt möglich ist.
Es folgt ein kurzer Überblick über meine gastronomische Agenda – wie üblich folgen die jeweiligen Einzelberichte zu gegebener Zeit.
Tag 1: Check-in und Pop-up
Es gibt keine Zeit zu verlieren. Dank einer überraschend schnellen Einreiseprozedur am Flughafen JFK liegen zwischen meinem Check-in im Hotel und der ersten Reservierung noch zwei Stunden – und glücklicherweise auch nur dreißig Meter. Denn gleich gegenüber, im so genannten Studio der noch recht neuen Bar Clemente im Obergeschoss des Drei-Sterne-Restaurants Eleven Madison Park, findet derzeit ein Popup mit Sushi-Legende Eiji Ichimura statt, das mein Interesse fand.
Siebzehn Stunden nach meinem Abflug und nun hier eingekehrt, hat mich alles Weltstädtische, das New York ausmacht, wieder voll in den Bann gezogen. Atmosphären, die fesseln; Konzepte, die begeistern; Stimmungen, die mich einlullen. Wie immer, wenn ich hier bin, denke ich schon nach dem ersten Abend: Das war bereits die Reise wert.
Tag 2: vier Reiter und ein König
So gerne ich mich auch in New York in der Spitzengastronomie aufhalte, sind es eher die lässigeren Gastrokonzepte, die mich wirklich fesseln. Sie bringen die in dieser Stadt alltäglich erfahrbare Gastronomie zum Vorschein – auf einem Niveau, das jedem kulinarisch und gastronomisch halbwegs affinen Menschen für immer die Laune verderben sollte, wenn er wieder zurück nach Deutschland reist.
Eines der Lokale, von denen ich mir einen solch schlechten Einfluss erhofft habe, ist das The Four Horsemen in Brooklyn. Halb Weinbar, halb Restaurant – das ist eigentlich egal – lässt der Laden an diesem Sonntagvormittag mein Herz schneller schlagen. Nicht mal die »naturnahen« Weine können meine Stimmung verderben. Im Gegenteil.
Als mich das Lokal wieder ausspuckt, habe ich schon das nächste Ziel vor Augen: Dante East Village, eine ikonische Bar, von der ich bisher nur die Filiale in Beverly Hills kenne. Nichts wie hin – ein paar Austern und ein Negroni gehen immer. Dass es am Ende vier (unterschiedliche) Negronis werden, überrascht dann. Sie bereiten mich auf das eigentliche Highlight des Tages vor: César.
Das Restaurant, das vom Guide Michelin mit zwei Sternen schlicht falsch bewertet ist, zieht wie immer alle Register. Küchenchef Ramirez bringt Gerichte von höchster Präzision und Qualität auf den Tisch. Mein größtes Problem ist, noch nicht zu wissen, wie ich das erneut in Worte fassen soll, ohne mich zu wiederholen.
Darüber denke ich am besten bei einem Drink nach – wie praktisch, dass die renommierte Bar Sip & Guzzle sich gleich in der Nähe befindet. Die sollen auch einen fantastischen Burger machen …
Tag 3: von Korea bis Kaiseki
Ein neuer Tag bricht an, dank Jetlag selbst nach langen Nächten etwas früher. Und glücklicherweise hat man ja auch immer wieder aufs Neue Appetit.
Also ab ins Coqadaq, das ich fußläufig von meinem Hotel erreiche – angenehm bei sommerlichen vierundzwanzig Grad. Das Coqadaq ist auf frittiertes Hähnchen und Champagner spezialisiert – auf die Idee muss man auch erst mal kommen. Es wird scharf, fettig, heiß und prickelnd.
Am Nachmittag trete ich mein erstes von zwei Abendessen an, wobei ich mir zunutze mache, dass viele Restaurants in New York, die mittags geschlossen haben, bereits um 17 Uhr öffnen. Penny, ein auf Fisch und Meeresfrüchte spezialisiertes Tresenrestaurant, hält die New York Times für eines der besten der Stadt. Nach einigen kleinen, aber feinen Tellern im sehr stimmungsvollen Ambiente kann ich mich einer zwingenden Empfehlung nur anschließen.
Platz gelassen habe ich auch genug, denn den »eigentlichen« Abend widme ich ganz dem Restaurant odo East Village, einem hochspannenden Ableger des japanischen Zwei-Sterne-Restaurants odo. Hier im East Village wurde das saisonale Konzept eines aufwändigen Kaiseki-Menüs in ein zwangloses À-la-carte-Konzept überführt.
Nach einigen Stunden an dem kleinen Tresen zieht es mich weiter in die angesagte Bar Superbueno, wo angesichts von Stimmung, Musik und exzellenten Cocktails die Zeit zur Nebensache wird.
Tag 4: drei, die Zahl des Tages
Drei Restaurants, eines davon mit drei Michelin-Sternen – so lautet meine Devise für den vierten Tag, der für mich hier anbricht.
Zum (ersten) Lunch geht es ins Rezdôra, ein mit einem Stern ausgezeichneter Italiener im Flatiron-Bezirk. Im Gegensatz zum Glanz eines Torrisi tritt dieser auf die Küche von Emilia-Romagna fokussierter Laden sehr bescheiden auf. Im Souterrain sitzt es sich rustikal – zu guten Snacks, aber unerwartet glanzloser Pasta.
Also auf ins Buvette, der populären französischen »Gastrothèque« von Jody Williams. Während mich die Atmosphäre hier im West Village bei sommerlichen Temperaturen komplett verzaubert, wundern mich die mediokre glasweise Weinauswahl und ein recht fad gewürztes, zerkochtes Gericht mit Artischocke und anderen Gemüsen. Wunderbar, hier zu sitzen, ist es dennoch.
Meine Spannung erhöht sich dann gegen Abend, als meine Reservierung in New Yorks neuestem (und einzigem) dreifach besternten Sushi-Restaurant näher rückt. Im Sushi Sho – von und mit Sushimeister Keiji Nakazawa – sind Fotos verboten, aber nach kulinarisch und atmosphärisch intensiven zwei Stunden ist klar, dass die Eindrücke so schnell nicht verblassen werden.
Die letzte Nacht in New York verbringe ich allerdings nicht, ohne noch ein, zwei Martinis zu probieren. In der Bar Clemente werde ich zum Wiederholungstäter.
Tag 5: einer geht noch
Mein Flug geht erst am späten Nachmittag: Zeit genug, um noch einen zwanglosen Lunch unterzubringen. Hierzu zieht es mich zum Thai Diner in Nolita, einem Restaurant, das, bei Erwähnung gegenüber Dritten, immer zu begeisterter Zustimmung führt.
Ich probiere mich durch die umfangreiche Speisekarte, bis mir vor Schärfe Augen und Nase tränen, und als sei es das letzte Mahl, das ich für längere Zeit genießen werde. Zumindest für New York stimmt das vorerst.